Erfahrungsberichte/Lebenslinien

29.10.2010

Alexandra

Mein Name ist Alexandra. Ich wurde 1987 geboren und wohne in Nordrhein-Westfalen. Ich bin seit meinem vierten Lebensjahr selektiv mutistisch, wobei es sich über die Jahre schon gebessert hat. Früher wusste ich nie, was mit mir los ist, denn zu Hause konnte ich ja sprechen, mit meinen Freunden funktionierte es auch, aber bei fremden Menschen blieb ich meistens stumm und konnte nichts mehr sagen.

Im Schulunterricht meldete ich mich nie, ich traute mich nicht und bekam dadurch meistens eine schlechtere Note auf dem Zeugnis, als mir eigentlich zugestanden hätte. Meine Grundschullehrerin schrieb folgendes auf die Zeugnisse:
"Alexandra ist eine sehr ruhige und oft in sich gekehrte Schülerin. Sie hat große Schwierigkeiten sich sprachlich vor der Lerngruppe zu äußern, antwortet stets in Einwortsätzen. Im mündlichen Bereich war sie nie bereit zu sprechen, meiner Meinung nach liegen die Gründe in einer seelischen Blockade."

Die Fragen meiner Mitschüler konnte ich mittlerweile schon auswendig: Hast Du keinen Mund zum sprechen? Bist Du taubstumm? Wieso bist Du so still? Kannst Du nicht reden? Ich konnte nie eine Antwort auf all diese Fragen geben, denn ich wusste keine, es waren die Fragen die ich mir fast täglich selbst stellte.

Im Alter von sieben Jahren ging ich zur Therapie, diese Therapie dauerte zwei Jahre, war allerdings verschenkte Zeit. Ich erinnere mich leider nicht mehr an diese Zeit, aber anscheinend hat man mir weder geholfen, noch hat man irgendwas herausgefunden. Ich weiß nur, dass ich auch dort sehr still war und auf die meisten Fragen niemals eine Antwort gab.

Eine Freundin meiner Mutter schrieb jenes in mein Poesiealbum: Liebe Alexandra, wenn Du Kummer oder Probleme hast, musst Du darüber sprechen und nicht auf Stur schalten. Nur sprechenden Leuten ist geholfen!

Es machte mich sehr traurig ständig Kommentare darüber zu hören, dass ich still sei. Man hielt mich für schüchtern, obwohl ich mir nie sonderlich schüchtern vorkam. Ich wollte ja reden, aber obwohl ich immer eine Stimme hatte, konnte ich es nicht. Selbst heute ist es noch manchmal so! Immer möchte ich gern reden, denke mir >Irgendwas musst Du doch sagen können, rede einfach, das kann doch nicht so schwer sein, na los, lass Dir was einfallen<, aber mein Kopf bleibt leer.

Als Kind hatte ich ständig Angst zu fragen ob ich auf die Toilette dürfe, ich fand nur selten den Mut diese Frage zu stellen. Immer hoffte ich, ich würde es noch bis zu Hause oder bis zur Pausenklingel aushalten, unzählige Male ging es schief. Man versuchte es bei mir sogar mit Bestechung >Wenn Du aufs Klo gehst, dann bekommst Du jedes Mal einen schönen Aufkleber geschenkt<. Die Aufkleber fand ich reizend, aber mein Problem lösten sie nicht.

Im vierten Schuljahr musste ich einmal mit einer Windel zur Schule gehen, genau an diesem Tag hatten wir auch noch Sport. Nach dem Sport sollten wir immer in den Waschraum gehen und uns waschen, doch da ich die Windel anhatte und mich nicht blamieren wollte, musste ich versuchen mich schnell umzuziehen. Es war mir sehr peinlich, aber zum Glück bemerkte niemand etwas.

Ich weiß noch wie ich zum aller ersten Mal im Kinderhort war, ich saß den ganzen Tag lang am ein und demselben Tisch, traute mich weder etwas zu sagen, noch aufzustehen. Nach ein paar Wochen hat sich das allerdings gelegt, und schon nach ein paar Monaten fühlte ich mich im Hort wie zu Hause, das heißt ich konnte ganz normal reden und hatte keine Probleme dabei. Nur die Sache mit dem Klo war auch im Hort nicht mein Ding...

Auf der weiterführenden Schule wurden meine Noten immer schlechter, ich meldete mich wie immer nicht im Unterricht, und die ganzen neuen Schüler wirkten auch nicht beruhigend auf mich. Ein Erdkundelehrer nahm mich manchmal einfach im Unterricht dran, wenn er merkte das ich nichts sagte meinte er immer >Ach, stimmt ja, Du redest ja nicht gern, tut mir leid<. Er sagte es nicht böse, eher so als würde er verstehen was mit mir los ist, doch helfen konnte er mir damit auch nicht.

Bei unserem Umzug in eine andere Stadt wechselte ich die Schule, und kam somit in eine neue, mir unbekannte, Klasse. Vom ersten Tag an bemerkte ich, dass ich unerwünscht war. Ich meldete mich wieder nicht im Unterricht, und dieses Mal sprach ich zusätzlich auch nicht mit meinen Mitschülern. Hatte ich meine Stifte zu Hause vergessen, getraute ich mich nicht mal nach einem Stift zu fragen. Nach wenigen Jahren bekam ich dann den Spitznamen >Stille Quelle<, doch was meine Mitschüler wohl nicht wussten war, dass stille Wasser sehr tief sind.

Im Alter von fünfzehn Jahren kam ich freiwillig für acht Wochen in die Jugendpsychiatrie, hier bekam ich zum ersten Mal die Diagnose zum selektiven Mutismus. Leider hat diese Klinik mich sehr im Stich gelassen, eigentlich nicht nur mich, sondern alle anderen Patienten auch. Da ich nicht aufgeben wollte fing ich im Alter von sechzehn Jahren eine ambulante Therapie an, mit dem Mutismus hat sie mir nicht geholfen, aber bei vielen anderen Dingen, hier bekam ich die Diagnose zur Borderline - Persönlichkeitsstörung.

Besserung trat ungefähr im zehnten Schuljahr ein, ich war zwar immer noch nicht bereit mich im Unterricht zu melden, aber ich konnte mittlerweile schon besser mit meinen Mitschülern sprechen und bei fremden Menschen war es auch kein alt zu großes Problem mehr.

Es gibt natürlich noch oft Schwierigkeiten für mich, ich kann zwar öfters mal mit fremden Menschen sprechen, aber nicht immer. Einmal im Supermarkt stellte mir eine Frau eine Frage, aber ich konnte nichts darauf sagen. Als sie merkte das ich verwirrt guckte und noch kein Wort gesprochen hatte, fragte sie mich ob ich denn kein deutsch verstehen würde und ging davon.

Auch in der Schule hatte ich noch manches mal Probleme. Ich meldete mich zwar schon ab und zu im Unterricht, trotzdem galt ich noch immer als die Stille. Ich bin trotzdem immer stolz auf mich wenn ich es schaffe mich zu melden oder zu sprechen, ich denke und hoffe das es nur besser werden kann, versuche positiv in die Zukunft zu blicken. Egal wie schwierig es ist – ich versuche nicht aufzugeben, und das kann ich jedem anderen auch nur raten. Gebt nicht auf!

Alexandra

Kontakt zu Alexandra: silent-night@gmx.de