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Fachzeitschrift

Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V.

Meine Geschichte

Christine Winter

Porträt Christine Winter
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Die ersten Jahre - "zu still" oder doch "nur bockig"?

In meinen ersten fünf Lebensjahren gab es nur selten fremde Menschen um mich herum. Daher spielte es erst mal keine große Rolle, dass ich verstummt bin, wenn jemand in Hörweite kam, den ich nicht gut kannte.

Mit Fünf kam ich dann für ein Jahr in den Kindergarten. Das bedeutete: Jeden Vormittag ein paar Stunden „betreutes Spielen“. Den Erzieherinnen fiel vermutlich schon auf, dass ich die Kindergarten-Zeit in der Regel allein mit den Bilderbüchern oder in der Puppenecke verbracht habe und an den Spielen der anderen Kinder nicht beteiligt war. Aber ein großes Thema war das wohl für niemanden. Für mich selbst war es jedenfalls keines.

Mein Rückblick auf diese frühe Zeit ist ganz bestimmt unvollständig. Und die Art, in der ich mich erinnere, ist alles andere als akkurat. In vielen meiner Erinnerungen herrscht eine bemerkenswerte Stille und es ist niemand mit mir im Raum. Das kann objektiv betrachtet nicht stimmen - ganz sicher war ich nie ganz allein im Kindergarten oder in einem Gasthaus oder einem Lebensmittelgeschäft. Und doch hat sich bei mir eingeprägt, dass solche Momente ruhig und ohne andere Menschen waren - und mein Gefühl zu diesem stillen Alleinsein ist durchwegs angenehm.

Die früheste Erinnerung an Angst-Empfindungen habe ich zu einer (tatsächlich gefährlichen) Situation mit ca. sieben Jahren. Und ich erinnere sie deshalb so gut, weil ich diese Art von Emotion und körperlichem Aufruhr bis dahin nie erlebt hatte. Ich glaube fast, dass ich sogar während der akuten Gefahr darüber nachgedacht habe, warum sich mein Körper so anders anfühlte als sonst.

In den ersten Schuljahren gab es für alle Erwachsenen um mich herum keinen Anlass, mein Verhalten als Problem zu betrachten. Manche nannten mein anhaltendes Schweigen „zu still“, andere fanden mich eher „bockig“. Meine Mutter bezeichnete mich in Situationen, in denen ich stumm und abwesend in mich versunken war, oft als „brav“.

 

Nie zu wissen, ob Sprechen geht, machte das Leben zunehmend schwer

In der dritten Klasse wurde mir im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf die Erstkommunion plötzlich sehr bewusst, dass ich mich deutlich anders als andere Gleichaltrige verhalten habe. Und dass ich keine Wahl hatte, so zu sein wie alle anderen.

Damit fing das Vergleichen an. Und ich kam in den folgenden Jahren zu der Schlussfolgerung, dass ich wohl „zu blöd zum Reden“ sein musste. Denn alle anderen konnten es scheinbar mühelos, während es bei mir nicht ging, obwohl - heute würde ich sagen: weil - ich mich ganz arg angestrengt habe.

Auch für die anderen Kinder wurden in der dritten oder vierten Klasse erstmals die Unterschiede zwischen ihnen und mir zum Thema und ich wurde geärgert, gehänselt, gelegentlich auch körperlich herausgefordert. Entweder habe ich nicht reagiert oder nach meinen Mitschülern geschlagen. Heute würde man die Konfrontationen als Mobbing bezeichnen und den Anderen die Schuld darangeben. Ich sehe das nicht so: Ich war in meiner (mutismusbedingten) Nicht-Reaktion und dem unabänderlichen Schweigen beziehungsweise den unvorhersehbaren Gewaltausbrüchen eine permanente Provokation (nicht nur für die Mitschüler, sondern auch für meine Lehrer) und sie haben sich entsprechend verhalten. Sie hatten - genau wie ich - keine Ahnung, was mit mir los war.

Mit Beginn der Pubertät hatte ich große Sehnsucht nach der einen allerbesten Freundin, die für mich durch Dick und Dünn gehen würde (einseitig, versteht sich - denn ich war ja die, die genau das nicht konnte). Und auch der Wunsch nach Kontakt zu Jungs wurde sehr wichtig, weil ich mir auch von einem festen Freund erwartet hätte, dass er mir alle Probleme aus dem Weg räumen würde. Aber beides blieb ein immerwährender Tagtraum ohne jede Erfolgsaussicht - mit Gleichaltrigen war mir keine nahe Beziehung und kein Gespräch über persönliche Themen möglich. Ich war meistens allein. Im Klassenzimmer hatte ich aber immerhin mit meiner Sitznachbarin ein Zweck-Bündnis unter Außenseitern geschlossen, das aber nie wirklich persönlich wurde.

Ich wusste damals nichts über Selektiven Mutismus. Aber mir war im Teenager-Alter natürlich schon bewusst, dass ich keinen Einfluss darauf hatte, wann Sprechen ging. Und ich hoffte auf den magischen Moment, wenn ich es dann auch können würde. Irgendwann. Irgendwie...

Mit knapp 18 Jahren gab es einen Moment, in dem mir klar wurde, dass ich ohne Kontakt-Fähigkeiten kein normales Erwachsenenleben würde führen können. In dieser Zeit begann meine erste depressive Episode, die mich (heute sage ich: Gott Sei Dank!) so gebremst hat, dass ich damals die Frage, ob ich so Leben wollte, nie abschließend entschieden habe.

Also habe ich mich darauf festgelegt, dass ich „auf Probe“ mein Leben weiterleben würde - unter der Bedingung, dass sich „alles ändern“ musste.

 

Keine Aussicht auf ein normales Leben

Was ich damit gemeint habe, dass sich „alles“ ändern sollte, wusste ich damals nicht. Ich wusste nur: So geht es nicht weiter.

Ich hatte den Realschulabschluss (mit Notenausgleich und schlechtem Durchschnitt gerade noch bestanden, weil ich ja keinerlei mündliche Leistungen erbracht hatte). Ich hatte eine Berufsausbildung angefangen (in einem Beruf, den ich eigentlich nicht wollte, aber dennoch genommen habe, weil ich da ohne Vorstellungsgespräch eingestellt wurde). Ich habe in jeder freien Minute gelesen und viel ferngesehen, aber ich ging auch einmal die Woche in die Musikstunde.

Und die restliche Zeit tagträumte von einer Beziehung zu meinem Retter und späteren Ehemann, der mir die perfekte Lebenssituation liefern würde, so dass ich nie mehr arbeiten oder irgendwelche Herausforderungen selbst bestehen müsste. Wenn er doch nur endlich käme...

Das war völlig aussichtslos. Denn ich war als junge Erwachsene ganz sicher nicht zu einer funktionierenden Partnerschaft in der Lage. Ich konnte keine Gefühle ausdrücken. Ich konnte keine Bedürfnisse äußern. Ich konnte um nichts bitten und nach nichts fragen. Ich konnte auf niemanden von mir auszugehen. Ich konnte keine Nähe anbieten und wenn mir doch jemand nahekam, konnte ich es nicht ertragen, ohne zu erstarren. Ich konnte nichts von mir erzählen. Und meine einzige Vorstellung davon, wie eine Partnerschaft aussehen könnte, stammte aus Fernsehfilmen und Groschenromanen.

Sachliches Sprechen ohne persönliche Meinung und ohne eigene Entscheidungen ging mittlerweile oft irgendwie - aber es machte mich zur unauthentischen und willenlos-angepassten Ja-Sagerin und damit noch weniger sozialkompatibel als zuvor als Nichts-Sagerin. Abgesehen davon war es mir unendlich unangenehm, dass ich nicht frei und ungezwungen ausdrücken konnte, was ich eigentlich sagen wollte und wie ich wirklich war.

Ich hatte als junge Erwachsene nicht die geringste Ahnung davon, was ich mir da eigentlich gewünscht habe, wenn ich mir wünschte, „endlich normal zu sein“.

 

Der lange Weg

Zwischen meiner Entscheidung mit Achtzehn, dass es so nicht weitergehen konnte, und meiner letzten mutistischen Blockade mit Mitte Dreißig lag ein langer Weg. Und da ich weder wusste, wie ich etwas ändern könnte, noch bemerkte, wenn ich eine nicht hilfreiche Idee verfolgt habe, war es unsagbar anstrengend und frustrierend, immer weiterzumachen. Ich konnte einfach nicht erkennen, wo das Ganze hinführen sollte...

Ich dachte, die Lösung wäre, dass ich eben keine Angst haben durfte. Problem dabei: Ob ich Angst empfunden habe oder nicht spielte keine Rolle dafür, ob ich sprechen konnte. Ich hatte nie Angst vor dem Reden an sich oder vor den Zuhörern. Ich hatte auch kein nennenswertes Lampenfieber, wenn ich vor Publikum musiziert oder gesungen habe. Ich hatte keine Angst vor Menschen. Ich hatte lediglich Ängste davor, in hilflose Situationen oder ernste Schwierigkeiten zu geraten, WEIL ich nicht reden konnte.

Klar habe ich mir immerzu Sorgen gemacht, weil mein Alltag nie überschaubar und verlässlich funktioniert hat. Wer würde sich keine Gedanken machen, wenn er nicht weiß, ob er sprechen kann? Die Zukunftsbefürchtungen waren zwar lästig und absolut nicht hilfreich, aber sie waren nicht übersteigert oder unvernünftig, wenn man die unendliche Kompliziertheit eines Erwachsenenlebens mit mutistischen Blockaden bedenkt.

Das Schwanken zwischen Hoffnungslosigkeit und dem Drang, irgendwie trotzdem weitermachen zu müssen - mit maximaler Anstrengung und hohem Stress - hat mich erschöpft und ausgebrannt. Und dennoch stand Aufgeben mittlerweile nicht mehr im Raum.

Es gab tagtäglich Misserfolgserfahrungen. Und da meine Ansprüche an mich selbst sehr perfektionistisch waren, konnte ich auch kleine Fortschritte nicht als solche würdigen. Aber es gab auch gelegentliche „Doch-Erfolgs-Erlebnisse“.

Und ganz langsam, unmerklich über die Jahre hinweg verstreut, wurden die gelungenen sozialen Situationen mehr, so dass die missglückten Versuche nicht mehr so ins Gewicht fielen.

Heute, im Rückblick, ist das sehr offensichtlich für mich. Damals, als ich mittendrin war, war es mir nicht bewusst. Da war alles immer nur anstrengend und die kleinen Erfolge waren mir viel zu klein und unperfekt.

 

Was letztlich den Unterschied gemacht hat?

Das ist die häufigste Frage, die mir zu meiner Mutismus-Geschichte gestellt wird. Und es ist zugleich die Frage, die ich am wenigsten leiden kann.

„Sag doch mal, was du gemacht hast, damit der Mutismus weggegangen ist.“

Darauf gibt es keine einfache, kurze Antwort. Denn es war ja kein einfacher, kurzer Weg.

Und daher ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann: „Keine Ahnung. Alles miteinander, wahrscheinlich. Eben den ganzen Weg gehen, einen Schritt nach dem anderen...“

Was sicherlich dazu beigetragen hat:

  • Immer wieder längere Kontakte (über ein paar Monate hinweg) zu Menschen, die meine Seltsamkeit aus mir unerfindlichen Gründen ausgehalten haben und authentisch-offen mit mir zusammen waren (obwohl ich nichts von mir gegeben habe und der Kontakt weitgehend einseitig blieb);
  • Gelegenheiten, mich in neuen Situationen unter fremden Leuten auszuprobieren - vor allem im Beruf, aber auch auf Seminaren, Urlaubsreisen, bei Freizeitaktivitäten etc.
  • Austausch mit Leuten, die unterschiedliche therapeutische Ausbildungen hatten und mir (aus Profi-Sicht) mein Verhalten gespiegelt und Alternativen angeboten haben;
  • Mein eigenes Interesse daran, herauszufinden wie Kommunikation funktioniert (denn wenn alle außer mir wussten, wie das geht, musste es ja einen Trick dabei geben).

 

Schlussendlich muss ich aber sagen: Ich weiß es nicht.

Über mehr als 15 Jahre hinweg - von meiner Entscheidung mit 18 bis zur letzten mutistischen Blockade mit Mitte 30 - habe ich mit Kommunikation und Kontakt experimentiert und manches davon hat mich vorangebracht, anderes auf Umwege geführt und das allermeiste völlig überfordert.

In winzigen Entwicklungen (die mir zu der Zeit unbewusst waren und die erst im Rückblick einen nachvollziehbaren Zusammenhang ergeben) habe ich ein Kontaktverhalten entwickelt, das mir Sicherheit gegeben hat, so dass die psychisch bedingten Blockaden im Laufe der Zeit nicht mehr nötig waren. Gleichzeitig habe ich Erfahrungen damit gemacht, wie es sich anfühlt, mit Menschen in einer persönlichen Beziehung zu sein und authentisch-spontan zu reagieren.

Zu der Zeit war ich in meinem damaligen Beruf sehr erfolgreich und äußerlich nicht mehr erkennbar eingeschränkt. Die Unsicherheit und die Sorge, dass ich bei nächster Gelegenheit wieder scheitern würde, saß aber immer noch tief.

Und dann kam irgendwann diese allerletzte Situation, in der Sprechen nochmal für ein paar Stunden nicht ging. Danach kam keine weitere mehr - und erst Jahre später ist mir aufgefallen, dass ich schon sehr lang nicht mehr gegen meinen Willen verstummt war.

 

Und wie ist es heute?

Wie viel Freude Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen macht, hätte ich mir in den ersten 30 Lebensjahren nicht vorstellen können. Und ich finde schade, dass ich es erst so spät herausgefunden habe. Denn viele von meinen Umwegen hätte ich nicht machen müssen, wenn ich jemanden gehabt hätte, der mir zeigt, wie ein guter und nicht überfordernder Kontakt geht.

Heute habe ich das Interesse an Kommunikation, das mich mein Leben lang begleitet und zum Experimentieren motiviert hat, zu mehreren Berufen gemacht.

Einerseits arbeite ich als Kommunikationstrainerin und Hochschullehrerin mit Gruppen in der beruflichen Aus- und Fortbildung. Denn auch die (scheinbar) ganz normale Kommunikation hat eine Menge Tücken. Und auch Menschen, die in ihrem ganzen Leben nie eine einzige Sprechblockade erlebt haben, kommen oft sprachlich an ihre Grenzen. Dass ich meine TeilnehmerInnen unterstützen kann, neue Ansätze für schwierige Gespräche zu finden, liegt mir sehr am Herzen.

Andererseits bin ich Therapeutin (Heilpraktikerin für Psychotherapie) und habe mich auf Selektiven Mutismus bei Erwachsenen spezialisiert. Neben den Betroffenen unterstütze und berate ich auch Angehörige und „Profi-Helfer“ (also PädagogInnen, TherapeutInnen, SozialarbeiterInnen etc.) beim Mutismus verstehen. Denn viele Ideen und Theorien, die über Selektiven Mutismus kursieren, stellen sich aus Betroffenen-Sicht anders dar.

Und drittens bin ich die Stimme vom Mutismus-Podcast. Die leicht zugängliche Aufklärung über unser schwer nachvollziehbare Nicht-Sprechen-Können ist mir ein großes Bedürfnis. Und weil da nur wenige allgemeinverständliche Informationen verfügbar sind, teile ich meine Erfahrungen und mein Fachwissen als wöchentliche Podcastfolgen.

 

Mein Tipp für dich

Die ganzen Erkenntnisse aus mehr als dreißig Jahren mit Selektivem Mutismus in einen einzigen Tipp zu fassen, ist schier unmöglich. Daher gebe ich dir drei Tipps:

  • Geh den Weg nicht allein, denn ohne Begleitung musst du alle Umwege erst mal ausprobieren, bevor du weißt, was alles nicht funktioniert. Der Blick einer außenstehenden Person (und am besten von einem Profi-Helfer mit entsprechender Erfahrung) kann dir eine Menge Zeit ersparen - denn du selbst erkennst mitten im Experimentieren nicht, wann du dich in ganz kleinen Schritten vorwärtsbewegst und wann du im Kreis oder rückwärts läufst.
  • Mach dir jeden einzelnen Schritt in deinen Experimenten so klein, dass dir keine Überforderung droht - aber entdecke immer wieder Gelegenheiten, die dir einen Rahmen bieten, um mehr über Kontakt und Kommunikation herauszufinden.
  • Lass dir von niemandem einreden, dass nichts mehr zu ändern ist. Du veränderst dich unweigerlich, solange du lebst - also kannst du auch dein Leben lang neue Erfahrungen sammeln, die dich voranbringen. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Jahre du mit mutistischen Blockaden zu tun hattest - wenn ich die Sprechblockaden nach so vielen Jahren endgültig und für immer hinter mir lassen konnte, kannst du das auch.
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