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Fachzeitschrift

Was ist Mutismus?

Definition | Merkmale | Ursachen | FAQ

Auf einem Spielplatz sitzt im Vordergrund ein trauriges M√§dchen, w√§hrend im Hintergrund zwei andere M√§dchen √ľber sie tuscheln, weil sie nicht spricht.
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Wie f√ľhlt sich selektiver Mutismus an?

Habt ihr schon einmal durch eine heftige Erk√§ltung eine Weile eure Stimme verloren? Ihr m√∂chtet einen Termin bei einer √Ąrztin abmachen, damit sie sich die Sache ansieht. Terminvereinbarung, so steht es auf der Webseite, bitte telefonisch. Sehr witzig. Ihr w√ľrdet nur zu gerne anrufen, aber ihr bekommt keinen Pieps heraus. F√ľr einmal ist das m√ľhsam, aber es krempelt euer Leben nicht tiefgreifend um. Ihr findet eine L√∂sung f√ľr euer Problem. Vielleicht schreibt ihr eine E-Mail, bittet euren Partner oder eure Partnerin, anzurufen oder notiert euer Anliegen und geht in die Praxis, um vor Ort einen Termin zu vereinbaren.

Kardinalsymptom des selektiven Mutismus

Menschen mit Selektivem Mutismus erleben jeden Tag, dass sie in einigen Situationen und mit einigen Menschen oder bei einigen Aktivit√§ten nicht sprechen k√∂nnen, obwohl sie es m√∂chten. Das gilt ganz besonders f√ľr Situationen, in denen Sprechen erwartet wird: Im Kindergarten, in der Schule, beim Zahnarzt, im Sportverein, auf Familienfesten, auf dem Spielplatz, auf Kindergeburtstagen, im Restaurant, wenn jemand einen gr√ľ√üt, wenn man sich bedanken oder entschuldigen will. Die Liste hat kein Ende. Wir sind Menschen und uns ist es angeboren, immerzu und in allen Lebenslagen √ľber das Sprechen miteinander Beziehungen einzugehen, in Kontakt zu treten.

Der selektive Mutismus aber macht das unm√∂glich. Er bewirkt eine gravierende Sprechblockade und kann dabei nicht nur die verbale, sondern auch die nonverbale Kommunikation erschweren: Im Kopf hat der Drittkl√§ssler die Antwort sofort parat, wenn die Lehrperson fragt, was 7 mal 7 gibt. Aber die Hand, um sich zu melden, liegt betonschwer auf dem Tisch, der Blick sinkt zu Boden, das Gesicht sieht aus wie eine gef√ľhlsentleerte Maske, die Lippen f√ľhlen sich an wie zugen√§ht. Die Lehrperson wartet kurz und l√§sst dann ein anderes Kind die Frage beantworten. Wer kein Wort herausbekommt, lernt, ohne Worte zu kommunizieren. Und so kann das Kind mit selektivem Mutismus die Zahl 49 vielleicht aufschreiben und dem Lehrer zeigen. Vielleicht geht aber auch das nicht und das Kind sitzt stumm und starr am Pult, tagein, tagaus, jahrelang. Zuhause aber ist dasselbe Kind in der Regel eine Plaudertasche. Das Universum dieses Kindes zerf√§llt in zwei Welten ‚Äď in einer kann es sprechen, in der anderen nicht. Eine altersgem√§√üe soziale, emotionale und akademische Entwicklung ist f√ľr diese Kinder gef√§hrdet. Wer im Dauerstress ist, lernt nicht gut, wer nichts sagen kann, bleibt auf seinen Lernfragen hocken, soziales Lernen in Gruppen ist oft nicht m√∂glich, Freundschaften k√∂nnen nicht gekn√ľpft oder gehalten werden. Sp√§testens im Jugendalter sind andere Kinder immer weniger tolerant und binden das schweigende Kind nicht mehr so gut in die Freundesgruppe ein oder mobben es gar.

Definition

Der selektive Mutismus ist in der Medizin als Angststörung eingeordnet (ICD-11, DSM-V), die sich im dauerhaften Unvermögen zeigt, in manchen Situationen zu sprechen, in denen Sprechen erwartet wird, während es in anderen gelingt. Dieses Verhalten muss länger als vier Wochen bestehen. Nicht einbezogen wird der erste Monat z.B. nach dem Start im Kindergarten oder in der Schule, weil viele Kinder Zeit brauchen, um aus ihrem Schneckenhaus zu kommen. Bei Menschen mit selektivem Mutismus besteht eine Beeinträchtigung in Ausbildung, Beruf oder sozialer Kommunikation. Die Unfähigkeit zu sprechen, beruht dabei nicht auf fehlenden Sprachkenntnissen oder auf starkem Unwohlsein, die Sprache zu sprechen. Das schweigende Verhalten ist auch nicht besser erklärbar durch eine Kommunikationsstörung (z.B. Stottern) und tritt nicht ausschließlich in Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung, Schizophrenie oder psychotischen Störungen auf.

Wichtige Fakten zum selektiven Mutismus

Der selektive Mutismus beginnt in der Regel sehr fr√ľh ‚Äď im Alter zwischen zwei und f√ľnf Jahren und gilt deshalb als St√∂rung des Kindes- und Jugendalters. Die Symptome werden oft beim Kindergartenstart offensichtlich. Betroffen ist je nach Studie zwischen etwa ein Prozent der Vor- und Grundschulkinder. M√§dchen sind etwa doppelt so h√§ufig betroffen wie Jungen, was allgemein bei Angstst√∂rungen zu beobachten ist. Das Risiko, selektiven Mutismus zu entwickeln, ist f√ľr mehrsprachige Kinder bis zu viermal h√∂her. Jeder Mensch, der an Selektivem Mutismus leidet, erlebt ein hochindividuelles Muster, wo und mit wem das Sprechen gelingt und wann die Sprechblockade auftaucht. Ohne Therapie dauert der selektive Mutismus meist Jahre an. Danach kann sich das schweigende Verhalten aufl√∂sen, aber das Angstproblem bleibt in der Regel bestehen. Die Betroffenen kommunizieren weiterhin nicht frei und bleiben unter ihren M√∂glichkeiten. Auch k√∂nnen sich zus√§tzliche Angst- und Kommunikationsprobleme entwickeln, Schulverweigerung kann auftauchen, es kommt zu schlechten Schul- und Arbeitsleistungen sowie einer h√∂heren Rate an zus√§tzlichen psychiatrischen St√∂rungen. Bekommt ein Kind keine therapeutische Hilfe, kann der selektive Mutismus auch bei Jugendlichen und Erwachsenen weiter bestehen. W√§hrend aber junge Kinder, die nicht sprechen, in der Regel als sehr sch√ľchtern eingesch√§tzt werden und noch viel Verst√§ndnis bekommen, wird √§lteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen vorgeworfen, sie schwiegen absichtlich und wollten ihr Umfeld manipulieren und k√∂nnten sprechen, wenn sie sich nur mehr anstrengen w√ľrden, was nicht stimmt.

Totaler Mutismus

Vor allem ein unbehandelter oder falsch behandelter selektiver Mutismus kann in einen totalen Mutismus kippen. Ein Mensch, der an totalem Mutismus leidet, kann mit niemanden und in keiner Situation sprechen. Es kann Betroffenen unm√∂glich sein, ihre Stimme z.B. beim Lachen oder Weinen h√∂ren zu lassen oder Laute zu machen. Definiert ist der totale Mutismus als eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende v√∂llige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem H√∂r- und Sprechverm√∂gen. Das hei√üt, es liegen ‚Äď ebenso wie beim selektiven Mutismus - keine organischen St√∂rungen vor (z.B. im Kehlkopf, den Stimmb√§ndern, Muskel- oder Nervenbahnen oder in den Sprachzentren des Gehirns). Eine Ursache f√ľr dieses tiefgreifende und umfassende Schweigen ist nicht bekannt. Eine Hypothese ist, dass eine sehr starke √úberforderungssituation oder eine Reihe von langanhaltenden √úberforderungssituationen einen Menschen mit selektivem Mutismus in den totalen Mutismus hineingeraten lassen k√∂nnte. Der totale Mutismus kann Kinder, Jugendliche und Erwachsene betreffen. Es ist nicht bekannt, wie h√§ufig er vorkommt.

Kleines Mädchen mit dunklen Haaren hält beide Hände vor den Mund

Ebenso wie der selektive Mutismus ist der totale Mutismus therapierbar und kann √ľberwunden werden. Die Therapieform muss spezifisch f√ľr den Mutismus sein. Evidenz liegt in Studien insbesondere f√ľr verhaltenstherapeutische Interventionen vor. Es sollte keinesfalls abgewartet werden, ob sich das Schweigen von selbst gibt, sondern sofort eine Therapie durch eine auf den Mutismus spezialisierte Fachperson beginnen ‚Äď in der Regel sind dies SprachtherapeutInnen oder Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen. In der Therapie wird idealerweise interdisziplin√§r gearbeitet und das gesamte Umfeld einbezogen. Eltern, Lehrpersonen und Fachpersonen k√∂nnen lernen, Betroffene im Alltag dabei zu unterst√ľtzen, das Sprechen in kleinen, systematischen Schritten zu wagen.

Der selektive Mutismus ist kein neues Phänomen

Dass ein Mensch in manchen Situationen, in denen Sprechen erwartet wird nicht sprechen kann, obwohl es in anderen geht, ist kein neues Ph√§nomen. Erstmals wurde der selektive Mutismus in der wissenschaftlichen Literatur im Jahr 1877 vom deutschen Arzt Adolph Kussmaul als ‚ÄěAphrasia voluntaria‚Äú - freiwilllige Sprachlosigkeit beschrieben. Der Schweizer Kinderarzt Moritz Tramer taufte das Ph√§nomen dann siebenundf√ľnfzig Jahre sp√§ter, 1934, um in ‚Äěelektiven‚Äú Mutismus.¬†Er bezeichnete den ‚Äúelektiven" Mutismus als ‚Äúfr√ľhestinfantilen Abwehrreflex‚ÄĚ.¬† Es dauerte weitere 60 Jahre, bis im Jahr 1994 im amerikanischen Diagnosemanual DSM-V der Begriff ‚Äěselektiver‚Äú Mutismus formuliert wurde. Dieser Begriff findet sich seit 2022 auch im Diagnosemanual ICD-11 der WHO, vorher war vom ‚Äěelektivem Mutismus‚Äú die Rede. √Ąrzte und √Ąrztinnen folgen h√§ufig noch der Tradition der medizinischen Literatur und verwenden im deutschsprachigen Raum den Terminus "elektiver Mutismus". Auch wenn mit den Worten ‚Äěelektiv‚Äú und ‚Äěselektiv‚Äú im Grunde dasselbe gemeint ist, so erleben viele Fachpersonen und Betroffene es doch als problematisch, dass in diesen Begriffen mitschwingt, das Schweigen sei frei gew√§hlt bzw. es werde aktiv selektiert, mit wem das Sprechen gelinge. Beides trifft nicht zu, daher wird unter Betroffenen und Fachpersonen im englischsprachigen Raum ein erneuter Begriffswandel in einen ‚Äěsituationsbedingten Mutismus‚Äú diskutiert.¬†

Quelle:
Sabine Laerum, Zertifizierte Mutismustherapeutin (PCIT-SM), Patholinguistin, Logopädin, M.A. Linguistik und Rhetorik
www.mutig-sprechen.com

FAQs zum Mutismus

Das Wort Mutismus wurde vom lateinischen "mutus" abgeleitet, was so viel wie "stumm" bedeutet. Genau genommen ist der Begriff "Mutismus" somit eigentlich falsch, denn Menschen, die unter Mutismus leiden, sind ja nicht stumm im Sinne von "nicht f√§hig zu sprechen". Wenn man einmal vom akinetische Mutismus (auch posttraumatischen Mutismus) absieht, k√∂nnen eigentlich alle Menschen, die mutistisch sind, per m√ľndlicher Sprache, d.h. Sprechen, kommunizieren. Sie tun es aber aufgrund einer starken Angst nicht.

Gerade f√ľr die Eltern (s)elektiv mutistischer Kinder ist das eines der gr√∂√üten Probleme, denn meist sprechen diese Kinder ja in der vertrauten heimischen Umgebung ungehemmt mit allen Mitgliedern der Kernfamilie. Dass diese Kinder aber im Kindergarten oder in der Schule beharrlich schweigen, wenn sie von der Kinderg√§rtnerin, einem Lehrer oder dem Hausmeister angesprochen werden, wird von den eigenen Eltern leider oft erst viel zu sp√§t erkannt. Deswegen unsere Empfehlung: Erkundigen Sie sich bitte immer detailliert danach, ob sich Ihr Kind auch im Kindergarten bzw. in der Schule kommunikativ normal verh√§lt. Zeigt es dagegen eine oder mehrere der folgenden Auff√§lligkeiten, so ist eine erh√∂hte Aufmerksamkeit angebracht:

  • Schweigen gegen√ľber bestimmten Menschen, Menschengruppen oder in spezifischen Situationen.
  • Quantitativ leicht oder stark erh√∂htes Kommunikationsverhalten zu Hause, das sich beim Erscheinen von fremden Personen oder in fremden Situationen schlagartig einstellt.
  • Angst, sich k√∂rperlich zu erproben (Fahrrad fahren, Schwimmen, Klettern).
  • Angst, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Sorge darum, wie man selbst auf andere wirkt.
  • Angst vor k√∂rperlicher N√§he zu Fremden, Angst alleine zu schlafen, gelegentliches Bettn√§ssen.

Sch√ľchterne Kinder versuchen zwar auch manchmal, sich gegen√ľber Fremden oder in ungewohnten, als unsicher empfundenen Situationen, verbal zu entziehen. Sie antworten jedoch, wenn auch gehemmt, sobald sie angesprochen werden, oder kommunizieren von sich aus, wenn sie sich sicher und der Situation gewachsener f√ľhlen. Bei einem elektiv oder selektiv mutistischen Kind w√ľrde genau das jedoch nicht passieren, denn diese Kinder entscheiden nicht bewusst dar√ľber, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation "selektiert" dar√ľber, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand beh√§lt.

Die gro√üe Mehrheit der mutistischen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hat eine genetische Disposition zur √Ąngstlichkeit und Gehemmtheit. Man k√∂nnte sagen, sie haben die Tendenz, auf ungewohnte Situationen und fremde Personen extrem √§ngstlich und kommunikativ verschlossen zu reagieren, als Anlage geerbt.

Diese Kinder zeigen sehr oft schon im Kleinkindalter typische Angstsymptome wie Trennungsangst von den Eltern, extrem klammerndes Verhalten vor allem gegen√ľber der Mutter, wenig Drang zur k√∂rperlichen Bewegung, Einschlafst√∂rungen, Launenhaftigkeit, Wutanf√§lle, wenn etwas nicht so l√§uft, wie sie es wollen, sowie regelrechte Weinanf√§lle. Mit Beginn des Kindergartenalters, in dem man anf√§ngt, sich zunehmend auch au√üerhalb der Familie sozial zu engagieren, manifestiert sich ihre fortdauernde Rede- und Kommunikationsangst als Mutismus, gepaart mit Symptomen wie starre K√∂rperhaltung, leerer Gesichtsausdruck, Vermeidung der Blickfixierung, fehlendes lautes Lachen, Weinen und Husten.

J√ľngere Forschungen haben weiterhin gezeigt, dass Kinder, die ein sozial gehemmtes Verhalten zeigen, √ľber eine verringerte Reizschwelle ihres Angstzentrums im Gehirn, der so genannten "Amygdala", verf√ľgen. Die Amygdala (auch Mandelkern) sendet neuronale Impulse aus, sobald sich ein Mensch in einer potenziellen Gefahrensituation befindet. Diese helfen dem Einzelnen, sich vor der Gefahr besser zu sch√ľtzen, schnell aus einer gef√§hrlichen Situation zu fl√ľchten oder durch Ver√§nderungen des Stoffwechsels die Aufmerksamkeit der Sinne zu sch√§rfen. Bei extrem √§ngstlichen Menschen, also auch bei Mutisten, scheint dieses Angstzentrum viel heftiger zu reagieren, als es eigentlich zum Selbstschutz n√∂tig ist. Es suggeriert dem Betroffenen eine Angstsituation, die eigentlich gar nicht existiert. Der Angstreflex ist zu fein justiert.

Bei Kindern mit (s)elektivem Mutismus werden die Angstreaktionen durch soziale Interaktionen wie Spielplatz, Schule oder durch soziale Zusammenk√ľnfte ausgel√∂st. Auch wenn es scheinbar keinen logischen Grund f√ľr diese √Ąngste gibt, sind die Gef√ľhle f√ľr das Kind √§u√üerst real.

Zum Vergleich: Eine Person mit einer Spinnenphobie empfindet reale, l√§hmende Angst, wenn sie gezwungen wird, eine Spinne zu sehen oder gar anzufassen. Diese Person kann gedanklich durchaus verstehen, dass die Spinne harmlos ist, aber auch noch so viele Erkl√§rungen werden die √Ąngste und die k√∂rperlichen Reaktionen wie Herzrasen, verschwitzte Handfl√§chen, Harndrang und den starken Vermeidungswunsch der angstausl√∂senden Situation, nicht verringern.

Im Laufe der Zeit wird ein Kind mit Mutismus stumm aufgrund des Unverm√∂gens, mit dem be√§ngstigenden Gef√ľhl umzugehen, das entsteht, wenn es einer Sprachanforderung ausgesetzt ist. Au√üer genetischen und biologischen Faktoren geht man gegenw√§rtig auch von weiteren komorbiden Einfl√ľssen aus. So zeigt die Forschung, dass eine bedeutende Anzahl von (s)elektiv mutistischen Kindern Sprach- und Sprechst√∂rungen aufweist. Dar√ľber hinaus kommen ca. 21% der Betroffenen aus einem zweisprachigen Umfeld. Ein stressreiches Umfeld kann ebenfalls ein Risikofaktor sein. Keinen Beleg gibt es allerdings daf√ľr, dass die Ursache des Mutismus mit Missbrauch oder einem Trauma zu tun hat. Es ist wichtig, diesen Punkt zu betonen, weil diese Vermutungen in der Vergangenheit favorisiert wurden und leider bis heute noch pr√§sent sind.

Die letztgenannte Auffassung ist oft sehr sch√§dlich f√ľr Hilfe suchende Familien. Obwohl keine wissenschaftlichen Studien f√ľr einen signifikant geh√§uften Missbrauch existieren, sind einige Eltern f√§lschlicherweise des Missbrauchs angeklagt worden oder dazu gebracht worden, sich unter Verdacht zu f√ľhlen. Tats√§chlich haben Studien gezeigt, dass Kinder mit (s)elektivem Mutismus nicht h√§ufiger Opfer sexueller Gewalt wurden als Kinder, die altersgem√§√ü kommunizieren.

Die Diagnose Mutismus wird normalerweise vom Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen erstellt. Hierbei sollte jedoch nicht unerw√§hnt bleiben, dass selbst unter diesen √Ąrzten die St√∂rung Mutismus noch relativ unbekannt ist. Nicht selten mussten Kinder√§rzte erst durch die Eltern √ľber den Mutismus informiert werden. H√§ufiger bekannt ist der Mutismus bei Sprachtherapeuten. Die Sprachtherapie geh√∂rt seit Anfang der 90er Jahre neben der Psychiatrie und Psychologie als dritte Disziplin zu den Fachrichtungen, die Mutismus diagnostizieren und Schweiger behandeln.

Der Mutismus ist ein anerkanntes, eigendynamisches St√∂rungsbild mit gravierenden psychosozialen Konsequenzen. Damit das betroffene Kind nicht in eine Lebenssackgasse ger√§t, sollte fr√ľh mit einer Behandlung begonnen werden. Zu gro√ü ist die Wahrscheinlichkeit der sozialen Situation, auch wenn die Kinder im Kindergarten- bzw. Grundschulalter aufgrund ihrer sensiblen, defensiven Wesensart durchaus beliebt sein k√∂nnen.

Sp√§testens im Jugendalter ger√§t der mutistische Sch√ľler in eine Au√üenseiterposition, wird er zum Fremdk√∂rper im eigenen Klassenverband. Auf der weiterf√ľhrenden Schule entwickelt sich der Mutismus zudem zu einem ausgepr√§gten Schulproblem. Reduzierte Schulabschl√ľsse und Berufsperspektiven sind in der Regel die Folge. Und schlie√ülich: Ab der Pubert√§t, so die Erfahrung aus der Praxis, steigt die Kurve der Kombination von Mutismus und Depression sowie von Mutismus und Sozialphobie (h√§ufig auch Schulphobie) steil an.

Eine erh√∂hte Suizidalit√§t ist nicht selten. Damit eine derartige gesamtpersonale Gef√§hrdung gar nicht erst entsteht, sollte bereits im Kindergartenalter mit einer Therapie begonnen werden. Befindet sich der Betroffene im Schulalter, so gilt f√ľr jede Stufe (Primarstufe, Sekundarstufe I und II) die Notwendigkeit einer schulbegleitenden Therapie. Wichtig: Auch im Erwachsenenalter ist eine √úberwindung des Mutismus m√∂glich.

Generell gilt: Die Therapieform richtet sich nach der abgeleiteten Prim√§r√§tiologie (Erst- bzw. Hauptursache). Wird der Mutismus als Folge eines fr√ľhkindlichen Traumas interpretiert (leider noch h√§ufig), so wird in der Regel eine analytische Spieltherapie empfohlen mit dem Ziel, diese verdeckte seelische Verletzung spieltherapeutisch aufzusp√ľren. Nimmt man dagegen einen latenten oder offen ausgetragenen Konflikt innerhalb der Familie an, so stellt die Familientherapie mit der Aufarbeitung der jeweiligen Beziehungsdynamik sowie der Aufdeckung von Ehekrisen und unbewussten Projektionsmechanismen zwischen den Generationen die geeignete Therapieform dar.¬†

Die Sprachtherapie unterscheidet sich von den beiden erstgenannten Vorgehensweisen dadurch, dass sie nicht r√ľckw√§rtsgewandt nach Traumata bzw. Konflikten in der Entwicklung der Schweiger sucht. Sprachtherapeutisches Handeln impliziert die aus der Familien- und Patientenanamnese ableitbare Annahme, dass es sich bei Mutismus um ein dispositionell bedingtes √ľbersteigertes Angstempfinden handelt, das von Beginn der Entwicklung an den betroffenen Menschen in seiner sozialen und vor allem kommunikativen Entfaltung einschr√§nkt.¬†

Der Ist-Zustand des Betroffenen wird damit zum Ausgangspunkt einer in kleinen Schritten vorgenommenen Neukonfiguration von Sprechen und emotionaler Bew√§ltigung von sozialen Situationen (in der Gruppe). Dabei wird folgende Didaktik ber√ľcksichtigt: Der Betroffene macht zun√§chst Ger√§usche nach oder sagt dem Therapeuten den Anfangsbuchstaben eines Bildsymbols. Es folgen Silben, sp√§ter Ein-Wort-Antworten, dann kurze bzw. l√§ngere S√§tze, schlie√ülich das Vorlesen und der Schritt vom zielorientierten zum freien Sprechen. In der Endphase der Behandlung wird die Praxis verlassen und die Bew√§ltigung von realen Alltagssituationen ge√ľbt (In-vivo-Therapie).¬†

Die Verhaltenstherapie geht beim Mutismus von einem erlernten Verhalten aus, das sich durch neue Verhaltensmuster auch wieder verlernen l√§sst. Durch ein ebenfalls kleinschrittiges oder konfrontatives Vorgehen erfolgt eine Angstdesensibilisierung, um gef√ľrchtete Situationen besser bew√§ltigen zu k√∂nnen (siehe auch Fading und Shaping bei der Sozialphobie). Die Psychiatrie nimmt hinsichtlich der Entstehung des Mutismus neurobiologische bzw. biochemische Faktoren an (s.o.).¬†

Durch spezielle Antidepressiva, die auf den Serotoninstoffwechsel einwirken, k√∂nnen √Ąngste reduziert werden. In den letzten Jahren mehren sich die Erfolge einer sprachtherapeutischen Behandlung, die im Jugend- und Erwachsenenalter, wenn erforderlich, medikament√∂s unterst√ľtzt werden kann. Die Entscheidung f√ľr eine der o.g. Therapieformen sollte, wie anfangs dargestellt, immer ursachengeleitet vorgenommen werden. Ein alleiniges Sich-Ausprobieren am Schweigenden ist strikt abzulehnen und f√∂rdert das ohnehin schon vorhandene Misstrauen gegen√ľber selbst ernannten "Fachleuten".

In jenen Fällen, in denen homöopathische Mittel erfolgreich eingesetzt wurden, erwiesen sich angstlösende Konstitutionsmittel als effizient.

Bei der Einbettung des Mutismus in eine schwere Depression und/oder Sozialphobie kann eine Indikation f√ľr einen Einsatz so genannter selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI = Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) bestehen. Diese spezielle Gruppe der Antidepressiva f√ľhrt zu einem Anstieg des Botenstoffs Serotonin im Hirnstoffwechsel, dessen zu niedrige Konzentration mit Depressionen, Angsterkrankungen, Aggressivit√§t, Zwangsst√∂rungen, Impulskontrollst√∂rungen, Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen (Borderline), posttraumatischen Belastungsst√∂rungen, Suizidalit√§t und schizophrenen Psychosen in Verbindung gebracht wird. Eine medikament√∂se Flankierung sollte immer in einen gesamten Behandlungsplan integriert werden.

Was zun√§chst wie ein v√∂lliger Widerspruch klingt, ist tats√§chlich eine h√§ufige Behandlungsmethode, eine Angstst√∂rung zu therapieren. In der Psychologie nennt man das entweder "Angstreduktion durch systematische Desensibilisierung" oder, je nach Intensit√§t, "Konfrontationstherapie". Indem der Betroffene systematisch und durch Lob unterst√ľtzt regelm√§√üig den angstausl√∂senden Situationen ausgesetzt wird, erfolgt sukzessive eine Hinf√ľhrung zur Unempfindlichkeit.

Die Behandlung

Liegt die Diagnose selektiver Mutismus vor, ist es wichtig, die Therapie so fr√ľh wie m√∂glich zu beginnen. Die Behandlung im Kindesalter hat eine sehr gute Prognose, denn Mutismus ist √ľberwindbar.¬†Eine interdisziplin√§re Behandlung aus Sprachtherapie, erg√§nzender psychologischer Behandlung sowie die Zusammenarbeit mit den Eltern und der regelm√§√üige Austausch mit dem Kindergarten oder der Schule ist h√§ufig von zentraler Bedeutung.
Die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. hat 2013 die Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie (SRMT) ver√∂ffentlicht. Die SRMT erm√∂glichen es Eltern, Angeh√∂rigen und den Betroffenen selbst, durchgef√ľhrte oder bestehende Therapieprozesse zu bewerten und jahrelang andauernde stagnierende Behandlungen kritisch zu hinterfragen.

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Eine junge roothaarige Therapeuten klatscht mit einem kleinem Jungen ab. Beide freuen sich √ľber die Erfolge in der Therapie.
Ein kleines Mädchen mit langen blonden Haaren und gelber Sweetjacke steht mit gesenktem Kopf da. Sie schaut auf einen Zettel in ihren Händen auf dem steht: Ich möchte immer sprechen können

Unser Netzwerk

Unser Netzwerk ist eine unserer gr√∂√üten St√§rken. Es ist ein Angebot f√ľr Betroffene, Angeh√∂rige und Interessierte sich gegenseitig auszutauschen.¬†So k√∂nnen sich deutschland- und weltweit Menschen √ľber pers√∂nliche Anliegen und gleiche Probleme miteinander besprechen. Viele kennen zum Beispiel die Fragen und Sorgen der Eltern mutistischer Kinder und helfen gern weiter.¬†Unser zertifiziertes Therapeuten-Netzwerk hilft bei der Suche nach einem geeigneten Mutismus Spezialisten im Umkreis.¬†

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Netzwerk f√ľr Eltern

Das Angebot der digitalen Selbsthilfe annehmen und gegenseitig profitieren. In unserem Eltern-Netzwerk könnt ihr den Wissensschatz anderer Betroffener und Eltern nutzen.

02

Therapeuten- Netzwerk

In unserem Therapeuten-Netzwerk sind Mitglieder des Vereins gelistet, die sich daf√ľr zertifiziert haben und √ľber Erfahrungen mit mutistischen Patienten verf√ľgen.

03

Netzwerk International

Zahlreiche internationale Informationsplattformen zum Thema Mutismus könnt ihr diesem Netzwerk finden und euch verbinden.

Medien √ľber Mutismus

In unserer Medienbibliothek findet ihr eine Auswahl an Videos, Podcats, Presseartikeln, Buchempfehlungen und Informationsmaterial zum Download rund um das Thema Mutismus auf einen Blick.

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F√ľr Betroffene & Interessierte

F√ľr Therapeuten und Fachleute

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