Erfahrungsberichte/Lebenslinien

29.10.2010

Debbie

Ich habe durch meine Mutter, die auch oft mit mir zu kämpfen hatte, erfahren, dass man seine eigenen Erfahrungen erzählen kann. Und es ist beruhigend zu wissen, an was man gelitten hat bzw. leidet und dass man nicht "krank" ist.

Als ich in die Spielgruppe sollte, habe ich nur geweint und hatte Angst unter so vielen fremden Kinder zu sein. Also nahm mich meine Mutter wieder nach Hause. Als es um den Kindergarten ging, war es das selbe. Es war aussichtslos, jeder Versuch scheiterte, mich davon zu überzeugen, dass es nicht schlimm sei. Also blieb ich noch ein Jahr länger zu Hause.

Jedoch im zweiten Jahr Kindergarten hatte ich keine Chance, ich musste gehen. Zu Beginn war es die Hölle. Ich wollte mit niemandem sprechen und kannte auch dort niemanden. Ich hatte sogar Angst, die Kindergärtnerin zu fragen, ob ich aufs Klo dürfe. Im Laufe der Zeit lernte ich einige besser kennen und hatte Kameraden. So bewältigte ich dieses Jahr.

In der Schule war ich eigentlich nie alleine, ich hatte eine beste Freundin,
die ich noch heute, etwa 12 Jahre später, immer noch als sehr gute Freundin bezeichne. Ich hatte mich kaum jemals am mündlichen Unterricht beteiligt, aus Angst ausgelacht, oder als dumm bezeichnet zu werden.
Meine Noten im schriftlichen waren immer besser. Wenn ich vor die Klasse stehen und einen Vortrag halten mussten, hatte ich immer schreckliche Angst, aber ich hab es tapfer gemacht. Auch wenn ich vorlesen musste, bekam ich jedes Mal einen hochroten Kopf.

Meine Mutter redete mit meinem Lehrer von der 6. Klasse über mich und erklärte ihm, was mit mir los war, dass ich nicht dumm sei. Sogar von unserem Hauswart wurde sie darauf angesprochen und musste auch ihm erklären, warum ich ihn nicht grüssen würde. Danach lächelte ich und er auch und von da an war es gut- was ihn anbelangte.

In der Oberstufe hielt es meine Mutter kaum mehr aus mit mir. Ich sprach nicht mit meinen Verwandten, wollte nie auf fremde Klos und hatte immer höllische Angst wenn mich jemand begrüßte. Ich versteckte mich immer hinter meiner Mutter und kam nicht hervor, bis diese Person fort war.
Sie zwang mich damals zu unserer Schulpsychologin zu gehen, wofür ich ihr im Nachhinein überaus dankbar bin. Zu meiner Schweigsamkeit hatte ich noch schlimme Aggressionen und hauptsächlich aus diesem Grund schickte meine Mutter mich zur Psychologin.

Von der Schule ging ich mit einer kleinen Hand voll mehr Selbstwertgefühl und machte ein Sozialpraktikum im Spital auf der Abteilung für alte Menschen. Ich wurde ins kalte Wasser geworfen. Ich war kurz davor aufzuhören, weil ich mich der neuen Situation nicht gewachsen fühlte. Ich integrierte mich nie so richtig ins Team, fiel auf "falsche" Männer rein und doch bin ich heute froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben, auch wenn ich mich nicht gerne an sie erinnere. Ende des Praktikums bekam ich von einigen Leuten zu hören, dass ich mich recht geöffnet habe, im Lauf des Jahres und das freute mich riesig.

Nach diesem Praktikum wollte ich mich für eine Ausbildung als Krankenschwester bewerben, jedoch erfolglos: Ich wäre zu unreif dafür. Zog mich wieder ziemlich in ein Loch. Ich entschied mich rasch für ein zweites Spitalpraktikum wo ich dann meine letzten Hemmungen verlor. Ich wusste einfach, dass ich reden musste. Wie im ersten Jahr. Wenn ich geschwiegen hätte, hätte es zum Teil böse Folgen haben können, wenn ein Patient irgendetwas getan hätte, das nicht sein sollte. Ich fühlte mich in diesem Team aufgenommen und akzeptiert. Zwar hatte ich auch dort Anfangsschwierigkeiten, die ich allerdings auch überwältigt habe.

Ich ging gerne zur Arbeit, ich genoss den Umgang mit den Menschen. In dieser Zeit lernte ich auch noch meinen Freund kennen, der mir zusätzliche Sicherheit gab. Ohne ihn und meine Mutter wäre ich nicht so weit  gekommen. Ich bekam gute Rückmeldungen, immer bessere und das stärkt das Selbstvertrauen.

Als es dann darum ging, eine Lehrstelle zu finden, bin ich schier verzweifelt. Über ein halbes Jahr suchte ich eine Stelle als med. Praxisassistentin und bei der letzten Bewerbung hat es doch noch geklappt. Ich hatte halt einen Stationsarzt gehabt, der immer ein gutes Wort für mich einlegte.

Ich kann von mir also sagen, das meiste hab ich überwunden. Ich habe keine Angst mehr, mit fremden zu reden, oder alleine in die Stadt zu gehen. Aber ich werde es wohl nie ganz los. Noch heute habe ich bei manchen Leuten wie eine Wand dazwischen, die ich nicht durchbrechen kann, dann weiß ich nicht, was ich mit ihnen reden soll.

Auch in der Schule melde ich mich nicht gerne, oder hasse es vor der Klasse vorzulesen. Oft bin ich wie blockiert wenn ich etwas sagen will. Aber ich habe gute Freunde, von denen ich weiß, dass sie mich mögen und natürlich auch meinen Freund. In der Arztpraxis, in der ich arbeite und eben meine Lehre mache, werde ich gemocht. Zweifel an mir werde ich immer haben, auch wenn sie unnötig oder unbegründet sind, die werde ich wohl nie los.

Ich habe den Mutismus nie als wahnsinnige Schwäche angesehen. Im Gegenteil, die Patienten mochten es, dass ich eine ruhige Person bin, was sehr gut verständlich ist.

Was mich immer noch belastet ist, dass ich anfangs immer falsch eingeschätzt werde. Ich kann mich nicht allen Personen gleich schnell öffnen oder überhaupt öffnen. Und einige, die mit mir dann alleine waren und mir mal zugehört hatten, was ich eigentlich auch zu sagen habe, haben mir gesagt, dass sie mich falsch eingeschätzt haben und das belastet schon.

Ich bin jetzt 18 Jahre alt und eigentlich sehr glücklich und relativ zufrieden mit mir, wenn ich zurückschaue, was ich alles durchmachte und erlebt habe. Viel schlechtes aus dem ich gelernt habe und auch viel gutes, das mich ebenso gestärkt hat wie das schlechte meiner Vergangenheit.