Erfahrungsberichte/Lebenslinien

29.10.2010

Vanessa

Vor kurzem habe ich vom Mutismus erfahren, nach eigenen Recherchen. Jetzt bin ich 27. Niemand hat sich scheinbar früher damit befasst, einen Grund für mein Verhalten zu finden. Ich dachte, dass ich die einzige wäre, zumindest wurde ich immer so behandelt. Dumm darstellen lässt sich niemand gern, was der Grund sein muss, dass ich mein früheres Verhalten später verdrängt habe. Jetzt aber gab es so viele Gründe, weshalb ich annehmen muss, dass es längst nicht vorbei ist.

Ich selbst suche Hilfe bei meinen heutigen Problemen und möchte wiederum meine Hilfe jenen anbieten, die einen Weg durch ein Hindernis suchen, welches sich auch mir einmal gestellt hat. Mit dieser Zusammenfassung möchte ich euch erzählen, welche Probleme ich meistern konnte, und welche mir noch immer "am Herzen liegen".

Woran ich mich aus dem Kindergartenalter erinnern kann ist, dass ich nicht in der Lage war vor allen zu reden. In Spielkreisen habe ich grundsätzlich neben einer Erzieherin gesessen und ihr das was ich zu sagen hatte ins Ohr geflüstert. Auch hatte ich die ganze Zeit über immer nur eine Freundin, die zwar gewechselt hat, aber nie habe ich mit mehreren Kindern gleichzeitig gespielt.


Bei der Einschulung musste mich meine Oma ins Klassenzimmer begleiten, bei der ich dann auf dem Schoß saß und mich auch nicht meldete als mein Name aufgerufen wurde. Allgemein sah mein Grundschulbesuch so aus: Wenn ich etwas gefragt wurde habe ich die Person angestarrt oder nur gegrinst. Innerlich habe ich mich damit getröstet, dass sie gleich von mir ablässt wenn ich nichts tu und dann fühlte ich mich besser. In der ersten Klasse hatte ich eine Freundin mit der ich sprach, diese wurde damals aber auf eine Sonderschule versetzt und ich bin allein geblieben. In den Pausen stand ich allein in der Ecke. Zudem das niemals zu auch nur einer Person ein Wort gesagt wurde, weigerte ich mich von Anfang an am Sportunterricht teilzunehmen. Auch im Musikunterricht habe ich mich geweigert mitzusingen, mitzutanzen oder allgemein überhaupt den anderen etwas vorzuführen. Nicht einmal meine Hefte habe ich zur Kontrolle bei dem Lehrer abgegeben. Meine Leistungen waren jedoch gut und es gab keinen Anlass auf eine Lernschwäche zu schließen, so dass ich in die Orientierungsstufe versetzt wurde.

Dort habe ich es geschafft von Anfang an mit den Mädchen in meiner Klasse zu reden, sie in den Pausen zu begleiten und einige, wenn auch (bis auf eine) nicht besonders intensive Freundschaften, aufzubauen. Leider weigerte ich mich weiterhin im Unterricht zu reden, oder etwas an der Tafel zu schreiben, sowie am Sportunterricht teilzunehmen. Meine Hefte haben Freundinnen für mich abgeben müssen. Meine schulischen Leistungen haben zu der Zeit enorm abgenommen, was - wie ich denke- auch an dem enormen Druck von Eltern und Lehrern lag, die nicht einschätzen konnten, welche weiterführende Schule ich besuchen soll. Ich bekam also eine Hauptschulempfehlung und diese besuchte ich dann auch, blieb damit an dieser Schule.

Auf einer Klassenfahrt in der siebten Klasse habe ich angefangen mit den Jungen zu reden, die das als sehr positiv aufgefasst haben und ich mich sehr viel wohler gefühlt habe. Ich glaube dass ich auch zu der Zeit meinen ersten Freund hatte. Ansonsten änderte sich nichts, bis auf das ich meine Hefte, Arbeiten usw. selbst vorn abgegeben habe.

In der achten Klasse habe ich es geschafft mit meiner Klassenlehrerin zu reden. Entweder mit ihr , oder mit der Klasse. Beides, also dass ich hätte wenigstens bei ihr mündlich im Unterricht teilnehmen können, ging nicht. Erst in der neunten Klasse habe ich dann ein Referat gehalten. Leider konnte ich nicht sonderlich gut laut vorlesen, da ich ständig vergaß Luft zu holen, mein Kopf zitterte dass ich ihn nicht grad halten konnte, aber ansonsten lief es gut und ich bekam einen tosenden Beifall, was mir sehr peinlich war und mir gleichzeitig die Tränen in die Augen trieb.

Von da an besserten sich meine Leistungen und ich redete ab sofort bei allen Lehrern. Nur Sport habe ich nie gemacht.

Ich machte meine zehnte Klasse um den Realschulabschluss zu erreichen, scheiterte aber am Kolloquium, an dem ich nicht teilnehmen wollte. Danach besuchte ich aufgrund meiner sehr guten Leistungen in Deutsch und Englisch die Berufsfachschule Wirtschaft.

Dort habe ich den erweiterten Realschulabschluss erworben und eine Lehrstelle als Rechtsanwaltsgehilfin bekommen.

Diese wurde mir nach einem Jahr gekündigt, weil ich nicht fähig war mich zu integrieren und ein schlechtes Verhältnis zu den Kollegen hatte. Das war im Mai '97. Weil ich für dieses Jahr keine neue Ausbildungsstelle finden konnte blieb ich ein gutes Jahr arbeitslos.

In dieser Zeit begannen meine heutigen Probleme. Ich wurde von meinem Freund verlassen mit dem ich drei Jahre zusammen war und meine Oma starb in diesem Jahr. Ich bekam Panikattacken, wurde ohnmächtig, machte die Nacht zum Tag und saß zitternd im Wohnzimmer. Tagsüber schlief ich. Erst ein Jahr später war ich wieder in der Lage am normalen Leben teilzuhaben. Aber bis heute habe ich Herzprobleme davongetragen und muss Betablocker einnehmen. Der wichtigste Grund, warum ich Hilfe suche.

Ich fand dann eine neue Lehrstelle. In dieser Lehrzeit musste ich regelmäßig eine Berufsschule in Bayern besuchen. (Komme aus Niedersachsen). Da die Firma groß war und ich durch alle Abteilungen musste um alles zu lernen fiel es mir auch dort wieder sehr schwer Kontakte zu knüpfen. Ich beendete diese Lehre mit einer guten Note und wurde dann ein halbes Jahr übernommen. Durch ein Riesenglück bekam ich schon nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit eine neue Stelle. In der Abteilung, in der ich nun seit zwei Jahren arbeite, sind wir nur zu sechst. Alles Männer über fünfzig. Sie geben sich sehr viel Mühe mit mir. Selbst mit meinem Chef kann ich über alles reden, was mir die Möglichkeit gibt Eigeninitiative zu ergreifen. Inzwischen habe ich meinen Festvertrag bekommen, weil alle viel von mir und meinen Fähigkeiten halten. Seit zwei Jahren habe ich auch einen sehr lieben Freund, bei dem ich nun wohne. Er ist Wirtschaftsingenieur und arbeitet an der TU, wo er in Kürze seinen Doktor machen möchte. Leider kriege ich es einfach nicht hin mit seinen Freunden warm zu werden. Obwohl er immer sagt, dass sie mich sehr gern haben.