Erfahrungsberichte/Lebenslinien

19.08.2014

Bernhard

In meiner Kindheit machte sich den meisten meiner Mitmenschen gegenüber zunehmendes Schweigen meinerseits bemerkbar. Daran hat sich während meiner Schulzeit wenig geändert. Nur wenn bei Gesprächen sehr wenige Mitmenschen (Zuhörer) dabei waren, habe ich mein Schweigen etwas durchbrochen.

Nachdem eine Psychologin bei mir Mutismus feststellte, war ich dort von Mitte 1992 bis Anfang 2005 in Therapie. Dadurch konnte ich mein Schweigen soweit durchbrechen, dass ich  auf bestimmte Fragen kurze Antworten geben und in seltenen Fällen mit  einem vorbereiteten Text oder Manuskript länger und frei vor der Klasse sprechen konnte.

Als ich in die Oberstufe kam und nun weitgehend auf selbständiges Handeln angewiesen war, machte sich das Schweigen wieder stärker bemerkbar. Die meisten Lehrer waren nicht gerade entgegenkommend, manche wollten nicht verstehen, warum ich oft schweige. Schließlich meinte die Lehrerschaft fast einstimmig, dass ich die Abiturprüfung nicht schaffen würde und legte mir nahe, am Ende der 12. Klasse das Gymnasium zu verlassen, was ich dann auch tat. 

Wenig später begann ich eine schulische Ausbildung im Bereich Chemie bei einer Berufsfachschule in Darmstadt. Diese Naturwissenschaft interessierte mich nämlich zunehmend und der zuständige Fachlehrer war mit meinen Leistungen insgesamt zufrieden. Während dieser Ausbildung, die ich in guter Erinnerung behalten habe, zeigten sich praktisch keine Hemmungen im Umgang mit Lehrern und Mitschülern. Am Ende bestand ich die dreiteilige Abschlussprüfung (schrifilich, praktisch, mündlich) mit einem Durchschnitt von 2.56, wobei ich den mündlichen Teil mit "sehr gut" absolvierte. 

Mit dieser Grundlage versuchte ich nun einen passenden Arbeitsplatz zu finden. In den Jahren 2005 und 2006 schrieb ich ca. 120 Bewerbungen an Chemie- und Pharmaunternehmen, sowie an Zeitarbeitsfirmen und Personalvermittler. Obwohl ich zu mehreren Eignungstests und Bewerbungsgesprächen eingeladen wurde und mache davon "angenehm" verliefen, erreichte ich mein Ziel nicht. Eine Weiterbildung im Bereich Biologie bei einer privaten Akademie in Göttingen änderte an  meiner Situation ebenfalls nichts. Auch von Seiten des zuständigen Arbeitsamtes in Hofheim, unserer Kreisstadt, gab es keine wirkliche Hilfe. Dort sagte man mir stets, wenn ich erst ein Jahr Berufs- / Praktikantentätigkeit nachweisen könne, hätte ich die Vorraussetzungen für ein Studium an einer Fachhochschule. 

Im Februar 2007 erhielt ich jedoch von einem Mitarbeiter der Walter-Kolb-Stiftung in Frankfurt den Hinweis, dass ich bereits alle Vorraussetzungen für ein Fachhochschulstudium hätte und diesen Weg gehen sollte, um dann bessere Startbedingungen fürs Berufsleben hätte.

Im September 2007 begann ich mein Chemie-Studium an der Europa-Fachhochschule Fresenius (heute: Hochschule Fresenius) in Idstein.  Hier traten erneut die eingangs genannten Hemmungen auf. Schließlich teilte mir der Prüfungsausschuss mit, dass ich nach 9 Monaten Studium keine einzige Leistung erbracht hätte.  Bei dieser Besprechung mit zwei Dozenten hat sich bei mir leider eine totale Hemmung meines Sprechmechanismus eingestellt. Erst ein weiteres Gespräch der beiden Dozenten mit meinen Eltern und mir hat Klarheit über meine Erkrankung bringen können. Beide Dozenten empfahlen mir, bei einem Psychologen einen Eignungstest zu absolvieren. Wenige Wochen später verließ ich die Hochschule; die Stadt Idstein habe ich seither nicht mehr betreten. 

Nun wandte ich mich wieder an meine Psychologin. Nach mehreren Gesprächen und Überlegungen über meinen weiteren Weg absolvierte ich den Berufseignungstest. Das Ergebnis war, dass ich einen völlig anderen Beruf lernen müsse, der keinerlei technisches Geschick, kein räumliches Vorstellungsvermögen und wenig Mathematik erfordert. Letzteres kann ich bis heute nicht verstehen, da Mathematik mir selten Schwierigkeiten machte. 

Seit November 1995 musiziere ich aktiv Jugendorchester des "Mandolinen-Orchesters Neuenhain", seit Februar 2004 auch im Hauptorchester des Vereins. Innerhalb des Orchesters habe ich kaum Hemmungen mit den Mitspielern. Ich möchte sogar behaupten, dass das gemeinsame Musizieren, der Einzelunterricht bei der Jugendleiterin und die gemeinsamen Probenwochenenden mir geholfen haben, mein Schweigen deutlich zu brechen. Ich habe sogar begonnen Musik für Zupforchester und -instrumente zu schreiben und teilweise aufführen zu lassen.
Seit September 2005 arbeite ich ehrenamtlich als Notenwart des Vereins. Diese Tätigkeit macht mir Freude, weil ich etwas sinnvolles mache und der Vorstand meine Arbeit anerkennt. Für mein Engagement hat der Vorstand mich schon mehrfach gelobt und ausgezeichnet, z. B. mit dem "goldenen Notenschlüssel". 

Inzwischen denke ich ernsthaft darüber nach, eine Ausbildung im Bereich Archivwesen zu beginnen; die ersten Bewerbungen habe ich bereits geschrieben.

Im Laufe meines Lebens (nunmehr 26 Jahre) hat sich meine Krankheit soweit abgeschwächt, dass ich nur noch selten um eine Antwort verlegen bin und total schweige. Meist geschieht dies bei Menschen, die ich nicht oder nur wenig kenne bzw. wenn ich gerade keine passende Antwort parat habe oder aus meinen Gedankengängen aufgeschreckt werde.

2011

In den vergangenen zwei Jahren hat sich bei mir wenig verändert. Noch immer suche ich nach einer Ausbildung oder dergleichen im Bereich "Archivwesen". Fast jede Woche schreibe ich Bewerbungen und Anfragen an Firmen aus den unterschiedlichsten Branchen. Immer wieder hoffe ich, dass ich dabei irgendwann Erfolg habe. Daneben versuche ichauch noch andere Wege zu beschreiten. Hierbei möchte ich anmerken, dass meine Sprachhemmung seit Jahren rückläufig und heute fast nicht mehr vorhanden ist.

Seit September 2009 stehe ich in lockerem Kontakt mit einer Mitarbeiterin einer der örtlichen Kirchengemeinden. Immer wieder schreibe ich Briefe und E-Mails und berichte davon, was sich bei mir tut. Bereits zweimal hatte ich Gelegenheit zu einem längeren Gespräch. Die Hinweise und Ideen, die dabei entstanden, haben mich jedoch letztlich nicht vorwärts gebracht. Seit November 2010 stehe ich auch in Kontakt mit einer Angehörigen einer weiteren Kirchengemeinde. Auch sie will nach Möglichkeiten für meinen Eibnstieg ins Berufsleben suchen.

Im Oktober/November 2010 hatte ich im Staatsarchiv Darmstadt die Möglichkeit im Rahmen eines Praktikums einige Tätigkeiten aus dem Bereich Archivwesen kennenzulernen. Alle Aufgaben dort habe ich zur vollsten Zufreidenheit der dortigen Mitarbeiter erledigt. Insgesamt hatte ich dabei ein gutes Gefühl. Am Ende erhielt ich eine sehr gute Beurteilung. Diese Beurteilung sollte ich dann zusammen mit meinen Bewerbungsunterlagen an das Staatsarchiv nach Wiesbaden schicken, was ich auch tat. Leider werden dort derzeit keine Ausbildungsplätze angeboten. Auch könnte ich meine Arbeit bei Chemie- und Pharmaunternehmen anbieten, da ich mehrere Jahre im Bereich Chemie gelernt habe.

In der ersten Februarhälfte 2011 durfte ich im Rahmen eines ähnlichen Praktikums das Stadtarchiv Limburg kennenlernen. Auch dort war man mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Die abschließende Beurteilung war ähnlich positiv wie in Darmstadt. Der Archivleiter meinte dann, ich solle bei Banken und Indurstrieunternehmen meine Mitarbeit für "besondere Projekte" anbieten. Gerade die genannten Branchen hätten das nötige Kapital, um kurzfristig Stellen zu schaffen. Erste Anfragen an Banken und Sparkassen hatten jedoch noch keinen Erfolg.

Um an mein Ziel zu kommen, muss ich wohl jemanden kennen, der jemanden weiß, der gute Mitarbeiter für den Bereich Archivwesen sucht und deren Arbeit auch zu schätzen weiß. Deshalb habe ich dann, in Anwesenheit meines Vaters, ausführlich mit dem leitenden Priester unseres pastoralen Raumes gesprochen. Er will in passenden Gesprächskreisen auf meine Situation hinweisen und nach Einsatzmöglichkeiten für mich suchen.

Wer sich mit mir austauschen möchte, kann sich gerne mit mir in Verbindung setzen.