Erfahrungsberichte/Lebenslinien

29.10.2010

Simone und Natalie

Hier nun die Geschichte von Simone und Natalie, die auch allen anderen Hoffnung und Mut machen soll. Simone und Natalie wurden am 19.11.1993 per Kaiserschnitt in der 36. Woche geholt. Ab der 27. SSW mussten sie allerhand Medikamente  (Wehenhemmer, Herzmittel und Diazipan) über sich ergehen lassen, da ich von da an im Krankenhaus lag. Ich durfte bis zu ihrer Geburt nicht mehr aufstehen.

Sie hatten beide ein relativ gutes Gewicht (1860 und 1680) und mussten nur zum aufpäppeln noch vier bzw. fünf Wochen auf der Frühchenstation bleiben.

Bis zum zweiten Lebensjahr entwickelten sie sich völlig normal, wenn such ein bisschen schneller als andere Kinder. Natalie lief z.B. mit 11 Monaten schon ganz alleine. Nur mit der Sprache haperte es etwas, aber da sie eineiig sind war es auch normal, das sie ihre eigene Sprache entwickelten. Allerdings hielt es 7 Jahre an.

Dann passierte etwas, was ihr ganzes Sprach- und Sozialverhalten zum Stillstand brachte. Sie mussten einen schweren Epilepsieanfall von ihrem Papa miterleben und waren alleine mit ihm zu Hause. Von diesem Zeitpunkt an brachten sie in Gegenwart von anderen keinen einzigen Ton mehr hervor. Kein Blick, kein Lächeln nichts.

Damals haben wir aber keinen Zusammenhang zwischen dem Anfall ihres Papas und ihrem Verhalten gesehen. Der Kinderarzt meinte nur das wäre alles normal im Kindergarten würde sich das schon geben. Aber statt besser wurde es immer schlimmer. Der Kindergarten war wegen der Erzieherinnen das schlimmste was wir den beiden in den ganzen Jahren aus Unkenntnis angetan haben. Sie ließen unsere Mäuse 3 Monate im Türrahmen stehen, ohne ihnen ein bisschen zu helfen um wenigstens in die Gruppe zu gehen. Als sie dann vier waren, bekam Natalie einen Nervenzusammenbruch. Und da habe ich das erste Mal von einem Frühförderzentrum gehört.

Sie empfahlen uns die Kinder, wenn möglich in einem anderen Kindergarten anzumelden. Nach neun Monaten gingen sie in den anderen Kindergarten und in getrennte Gruppen. Die Erzieherinnen gaben sich unheimlich viel Mühe mit den beiden, und so gingen sie sehr gerne dort hin, auch wenn sie in den zwei Jahren kein einziges Wort gesprochen haben. In der Auszeit gingen wir zu einer Logopädin, die unserem "Problem" endliche einen Namen gab: MUTISMUS.

Die Therapeutin des Frühförderzentrums versuchte 6 Monate vergeblich im Zentrum Kontakt zu den Beiden aufzunehmen. Fehlschlag. Danach kam sie zu uns nach Hause. Nach 2 Monaten durfte ich das Zimmer verlassen und nach weiteren 2 Monaten schafften sie es den Blickkontakt zu halten. Nach einem Jahr sprachen sie das erste Mal mit ihr. Wenn ich damals Freunde besuchte musste ich immer vier Stunden einplanen, weil sie alleine drei davon brauchten um anzufangen zu spielen.

Bis sie 5 waren hatten sie noch nie mit einem andern Kind gesprochen, dann sind wir in eine Neubausiedlung mit vielen Kindern gezogen. Nach ca. einem halben Jahr fingen sie an mit zwei Kindern zu sprechen, dies blieb so bis sie 7 waren.

Mit 6,5 kamen sie auf eine Sprachbehindertenschule und diese Lehrer waren einfach super gut. Ein halbes Jahr nach der Einschulung sangen und sprachen sie ihre Texte auf Kassette die dann in der Klasse gehört wurden. Kurz vor Ende der E-Klasse sangen sie vor der ganzen Schülerversammlung (ca.100 Kinder) ein Lied ins Mikrofon. So machten sie stetige kleine Fortschritte.

Bis im Sommer 2002 wieder ein Unglück passierte. Mein Mann bekam einen Anfall im Vorgarten, schlug mit dem Kopf zuerst auf und es war natürlich schnell alles voll mit Blut, ich war auch diesmal nicht da. Aber dieser Schock war für Simone und Natalie die Rettung. Simone holte Hilfe bei den Nachbarn, obwohl sie vorher noch nie mit einem Erwachsenen gesprochen hatte! Von da an ging es rasend schnell.

Im November 2002 durften sie zum Probeunterricht auf die Regelschule, im Januar 2003 wechselten sie dann für immer. Vor drei Wochen bekamen wir dann sie erlösende Nachricht vom Schulamt, das kein Sonderpädagogischer Förderbedarf besteht. Wobei man von Natalie behaupten kann, das sie "geheilt" ist. Simone steht manchmal noch so unter Anspannung, das man meint sie könnte noch Therapie gebrauchen. Aber Beide haben nie wieder geschwiegen.

Sie sind immer noch schüchtern, aber das liegt wohl in der Familie, denn weder mein Mann noch ich bekommen in Gegenwart Fremder einen Ton raus, es sei denn, wir werden angesprochen.

Wir können wohl sagen, das wir riesiges Glück hatten zu wissen woher es kommt, und das ihnen das Gleiche noch einmal passiert ist, damit der Knoten platzen konnte.

Wir wünschen allen Betroffenen viel, viel Geduld und das Ihr die Hoffnung nie aufgebt.

Eure Christiana mit SIMONE und NATALIE ,Maximilian (der kleine Bruder) und Siegfried (der Papa).