Erfahrungsberichte/Lebenslinien

04.10.2010

Ein erster Erfahrungsbericht

Wir haben einen fast 9-jährigen Sohn der zur Zeit die 3.Klasse besucht. Seine schulischen Leistungen sind einwandfrei und er gehört zu den Besten seiner Klasse. Nun gibt es da dieses Problem mit dem Mutismus.

Im zarten Kindesalter ist er stets vor Fremden schreiend davongelaufen, gesprochen hat er nur mit uns, seinen Omas, Onkel und Tante. Damals haben wir uns nichts weiter dabei gedacht, und waren der Auffassung, das gibt sich eines Tages.

Im Kindergarten hatte er einen Freund, mit dem er auch sprach, aber sonst mit niemanden. Ca. ein Jahr vor seiner Einschulung waren wir in einem Vortrag über Ergotherapie. Da wir bis dahin nicht wussten was mit unserem Sohn eigentlich los ist, haben wir uns dort zur Therapie angemeldet und diese 3 Jahre besucht. Irgendwann im Laufe dieser Zeit gab uns die Leiterin der Therapie den Tipp, das es sich hier um elektiven Mutismus handelt. Dazu bekamen wir einen kurzen Informationsbogen über die Krankheit und diese Internet-Adresse. Da keine sichtbaren Fortschritte zu verzeichnen waren und die Therapeutin ein Baby bekam, gaben wir diese Therapie auf.

Mit den empfohlenen Sprachheilpädagogen eurer Seite hatten wir kein Glück. Wir haben drei in unserer Nähe mit diesem Thema konfrontiert, wurden aber stets abgewiesen („für solche Probleme sind andere zuständig“).

Mittlerweile rückte die Einschulung näher, und ein „Eignungstest“ stand bevor. Eine Amtsärztin bildet sich dabei in 3 Minuten eine Meinung über ein Kind, das sie nie zuvor gesehen hat. Da das Kind nicht in der Lage war zu sprechen, kam das Urteil, es noch ein Jahr im Kindergarten zu belassen. (nebenbei gesagt war der schriftliche Teil des Test` o.k.).

Dank einer verständnisvollen Schuldirektorin haben wir es geschafft, unser Kind zur richtigen Zeit einzuschulen. Das er diese Herausforderung brauchte, merkten wir bald an seinen Leistungen. Völlig irrsinnig wäre es gewesen, ihn aus seinem gewohnten Umfeld herauszureisen.

Ungemein wichtig war das Einfühlungsvermögen seiner damaligen Klassenleiterin. Als fast einzige im ganzen Umfeld hat sie Verständnis für den Mutismus gezeigt und sich für uns engagiert.

Vom Rest der „Pädagogen“ kam Unverständnis und die Aufforderung dieses Problem doch umgehend zu lösen. Schließlich hatten wir im Beisein der Direktorin und der Klassenleiterin ein Gespräch mit der für uns zuständigen Schulpsychologin. Von letzterer Seite kam kein konstruktiver Vorschlag, da sich ja niemand mit so etwas auskenne, und dies der erste Fall wäre. Wir sollten uns doch an Ärzte oder Psychologen wenden. Der Druck auf uns wurde riesig, und wir versuchten das auszubauen, was wir die ganze Zeit getan hatten, wir riefen die dafür zuständigen „Fachleute“ an, hatten Gespräche, ließen „Gutachten“ erstellen.

Neben dem Ärger mit einem Teil unserer Verwandtschaft, die ebenfalls kein Verständnis zeigte und den Mutismus unseres Sohnes auf „falsche Erziehung“ unsererseits zurückführte, kamen die ständigen Misserfolge bei den oft erwähnten „Fachleuten“. Wir wollten unser Kind nicht mit Medikamentenzudröhnen, und sind der Meinung, das ein längerer Klinikaufenthalt ohne Besuch der Eltern zu einer vollständigen Verschüchterung führen würde.

Der oben erwähnten Klassenleiterin haben wir eigentlich den größten Teil der Erfolge zu verdanken. Unser Kind sagt im Beisein eines Lehrers Gedichte auf, ließt aus Texten und singt Lieder.

Den letzten großen Erfolg konnten wir vor einer Woche verbuchen, als er in Gegenwart von zwei Mitschülern und der Lehrerin ein Gedicht aufsagte.

Es war ein langer geduldiger Weg bis hierhin und wir wissen, das wir auch weiterhin sehr viel Zeit und Einfühlungsvermögen brauchen, und vor allem starke Nerven um dem Umfeld klar zu machen das mit Druck, auferlegten Zeitlimits, dem ewigen Satz „so kann das nicht weitergehen“ usw. der ganzen Sache nicht gedient ist.

Geholfen hat uns auch ein Gespräch mit der Familie Schöne aus Rennersdorf (Adresse ist auf einer eurer Seiten), bei dem wir sehr viele Parallelen in der Entwicklung und beim Umgang mit den „Fachleuten“ feststellen konnten. Zur Zeit gehen wir einmal in der Woche für eine Stunde ins Familienzentrum zu einer Psychologin. Das tun wir offen gesagt widerwillig, denn auf uns lastet der Druck von Lehrern und Schulamtspersonen.

Diese wollen schließlich sehen, „das etwas geschieht“. Wir wiederum brauchen das Wohlwollen dieser Personen, um unseren Sohn in die Mittelschule zu bekommen.

Fazit der ganzen Sache: Wir sind überzeugt, das wir mit Geduld mehr erreichen, als mit Therapien bei Leuten die dem Problem „elektiver Mutismus“ offenbar machtlos gegenüber stehen und dies in einigen Fällen aus vielleicht falsch verstandener Berufsehre nicht zugeben wollen.

Zum Schluss noch eine Frage an alle Betroffenen: Wie wird eine mündliche Benotung der schulischen Leistung vorgenommen? Haben dabei die Lehrer freien Spielraum? Welche Rolle spielen Schulbehörden bei der Zensurenvergabe und bei der Versetzung in die Mittelschule ?

Gibt es Fragen, Meinungen, Vorschläge ???

Wir sind erreichbar unter E-Mail: rofi13@web.de