Rückblick auf frühere Tagungen

Rückblick auf die 17. Mutismus-Tagung am 15. Juni 2019 in Hannover

In diesem Jahr hielt die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. ihre 17. Mutismus-Tagung in Hannover ab. Veranstaltungsort war das Hotel „Loccumer Hof“. Neben dem großzügigen, lichtdurchfluteten Tagungssaal zeichnete sich das Hotel vor allem durch seine gelungene Verpflegung aus, so dass die Rahmenbedingungen bereits bestens auf eine gelungene Tagung ausgerichtet waren.

Nach der Begrüßung der Teilnehmer und der Erläuterung des Programms durch die 2. Bundesvorsitzende, Frau Petra Frießnegg, begann Herr Jens Kramer, der Vorsitzende der Initiative „StillLeben e.V.“, sein Referat mit dem Thema Der Deutsche Mutismus Test DMT-KoMut und Ableitungen für die Therapie. Herr Kramer gab einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Vereins, ehe er das von ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen entwickelte Screening zur Erkennung von Mutismus vorstellte. Dieses Screening ist kostenfrei und kann im Internet unter www.selektiver-mutismus.de/deutscher-mutismus-test durchgeführt werden. Es soll Betroffenen bzw. Eltern von betroffenen Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 18 Jahren die (wahrscheinliche) Diagnose des Störungsbildes Mutismus erleichtern und dient damit als eine erste – noch unverbindliche – Einschätzung. Der DMT besteht aus ca. 30 Fragen und umfasst sowohl mutismustypische Symptome als auch Merkmale anderer Krankheitsbilder, um eine Abgrenzung vornehmen zu können. 

Anschließend hat uns Herr Markus Schulte-Hötzel die Heidelberger Marschak-Interaktionsmethode (H-MIM) in der Mutismustherapie vorgestellt. Wie immer war der Vortrag von Herrn Schulte-Hötzel äußerst lebhaft und mitreißend. Das Konzept ist so aufgebaut, dass die betroffenen Kinder zusammen mit den Eltern Handlungsaufgaben umsetzen. Das Verhalten wird gefilmt und vom Therapeuten ausgewertet. Die Aufgaben umfassen die Bereiche Emotionen, Stressbewältigung und Führungskompetenz. Insgesamt werden pro Therapieeinheit fünf dieser Aufgaben ausgewählt und Kind sowie Elternteil vorgelegt. Beide werden nun im Therapieraum alleine gelassen und sollen die Aufgaben gemeinsam lösen. Ziel ist es, sich ein Bild des Familiensystems zu verschaffen, um Interventionsansätze zu erkennen und Beratungsempfehlungen geben zu können. Je nach Alter des Betroffenen verändert sich die Zusammenstellung und Anzahl der zur Verfügung stehenden Aufgaben. Das Ziel der Interaktionsmethode ist zum einen die Identifikation des familiären Systems und zum zweiten die spielerische Öffnung des verschlossenen Kommunikationsverhaltens. Die Kinder genießen die Zweisamkeit mit ihren Eltern und die Eltern erleben die Kinder in einem anderen Kontext.

Der mit Spannung erwartete Vortrag von Frau Prof. Dr. Schwenck zum Thema Selektiver Mutismus und Soziale Phobie – Die ungleichen Zwillinge musste völlig überraschend aufgrund einer akuten Erkrankung in ihrer Familie entfallen. Ein Novum in der Historie der Mutismus-Tagung. So mussten die Verantwortlichen der Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. umdisponieren. Die ohnehin vorgesehene Frage- und Diskussionsrunde mit den Referenten und Teilnehmern wurde kurzerhand vorgezogen und erhielt einen zweieinhalbstündigen Rahmen. Moderiert wurde sie erneut durch Herrn Dr. Boris Hartmann. Zur großen Freude der Anwesenden entwickelte sich eine lebhafte und anregende Diskussion zu wichtigen Kernaspekten des Schweigens im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Die Themen im Einzelnen:

  • Mutismus: Angst oder gedankliche Sprechblockade?
    Die Neuklassifizierung des Mutismus im DSM-5 unter die Angststörungen.
  • Disposition vs. erlerntes Verhalten?
    Perspektiven bei der Untersuchung der direkten Verwandtschaftslinie.
  • Selbst- oder fremdinduziertes Verhalten?
    Die Verunmöglichung des Selbst im Kontext gesellschaftlicher Erwartungshaltungen.
  • Wann entstehen soziale Angststörungen?
    Sozialphobisches Verhalten bei Kleinkindern.
  • In welchem Alter entsteht Selbstbewusstsein?
    Zur Frage günstiger Interventionszeiträume.
  • Beinhalten Ängste immer auch Zwänge?
    Differenzialdiagnostische Abgrenzungen und Kombinationen.


In der anschließenden Mitgliederversammlung wurde einstimmig beschlossen, das Angebot der Inverlagnahme der Fachzeitschrift „Mutismus.de“ durch den Schulz-Kirchner Verlag anzunehmen. Damit wurde die vorliegende Ausgabe Nr. 21 als erstes gemeinsames Projekt auf den Weg gebracht (s. auch Prolog von Heft 21: Neubeginn mit Chancen – Mutismus.de wechselt zum Schulz-Kirchner Verlag).

„Wir kehren heim!“ Die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. kommt zurück nach Köln. In der Hoffnung, Sie am 27. Juni 2020 auf der 18. Mutismus-Tagung begrüßen zu dürfen, wünscht Ihnen der Verein bis dahin alles Gute.

Nachtrag: Frau Prof. Dr. Schwenck wird ihr Referat Selektiver Mutismus und Soziale Phobie – Die ungleichen Zwillinge in Köln nachholen. Diesen Vorschlag nehmen wir gerne an. Man sieht sich in Köln!


Rückblick auf die 16. Mutismus-Tagung am 16. Juni 2018 in Rostock

Auf der diesjährigen Tagung im Hotel Sportforum in Rostock konnten wir wieder viele bekannte Teilnehmer und neue Interessenten begrüßen. Bei strahlendem Sonnenwetter und umgeben von Sportplätzen und Fotos früherer Leistungsträger der Leichtathletik entwickelte sich auch die Tagung zu einem Ereignis in sportlicher Höchstform. Dies lag zum einen an den drei Referentinnen und den von ihnen vorgetragenen Themenstellungen, zum anderen aber auch an der gelungenen Verköstigung des Sportforums selbst. Doch der Reihe nach: 

Das erste Referat hatte den Titel „Sprechgespenst – geh weg“ und wurde von Frau Diana Heuer gehalten. Frau Heuer ist Mutter von Zwillingen, die beide unter Mutismus litten. Die 2011 geborenen Jungen wuchsen zu Hause in einer liebevollen Umgebung auf. Mit Eintritt in den Kindergarten im Jahr 2014 wurde das Problem erstmals auffällig. Was die Referentin im Folgenden vortrug, waren zuallererst die verschiedenen Behandlungsetappen, die von ambulanten Behandlungen aus den Disziplinen der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und Logopädie über eine vollstationäre Sprachheilkur in der Eubios Klinik in Thalheim (www.eubios.de) bis zu einer erneut logopädischen Behandlung in Berlin reichten. Was den Vortrag neben der biographischen Mitbetroffenheit aber vor allem interessant und berührend machte, war der nicht zu übersehende Kraftaufwand der Referentin als Mutter. Immer wieder stellte sie dem Publikum unmissverständlich dar, dass ihre beiden Kinder „sprechen mussten“, eine Maxime, die in unterschiedlichen Therapielagern kontrovers diskutiert wird.

Der Höhepunkt der sukzessiven Erfolgsbeschreibung gleich zweier Öffnungsprozesse war die zum Schluss stattfindende persönliche Vorstellung der Zwillinge. Jeweils mit Hütchen bekleidet und in Begleitung der Großmutter mütterlicherseits betraten die beiden Jungen den Tagungsraum und beantworteten verspielt und quirlig alle Fragen der erstaunten und schmunzelnden Teilnehmer. Ein großer Applaus beendete das erste Referat und die offensichtliche Vertreibung des Sprechgespenstes und leitete zur Frühstückspause über. Eine genaue Beschreibung der Therapieverläufe kann dem Beitrag von Frau Heuer in dieser Ausgabe entnommen werden. 

Das zweite Referat wurde nach der letzten Tagung in 2017 erneut von Frau Christine Winter gehalten. Auf Wunsch der Teilnehmer in Würzburg entstand eine weitere Einladung der Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. und wir wurden erneut nicht enttäuscht. Ihr Thema diesmal: „Sie nennen es Angst“ – Der Mutismus-Zustand aus Sicht einer Betroffenen. Die Referentin hatte sowohl aus der Sicht als Hochschuldozentin für Kommunikation als auch aus der Sicht der Selbstbetroffenheit eine Präsentation vorbereitet, die sich kritisch mit dem Thema Mutismus = Angst auseinandersetzte. In zahlreichen schriftlichen Zitaten ließ sie eingangs mutistische Erwachsene zu Wort kommen, die übereinstimmend berichteten, dass sie eher unter Sprechblockaden und inneren Ruhezuständen als unter Angst litten. Frau Winter beschrieb anschließend die „Polyvagal Theorie“ von Prof. Dr. Steven Porges bei diversen Angstzuständen und adaptierte sie für das Thema Mutismus.

In einem gelungenen Wechselspiel zwischen rückblickender Autobiographie im Besonderen und Mutismus im Allgemeinen kam sie zu dem Schluss, dass auch bei ihr selbst die Angst nicht das eigentliche Grundproblem war, sondern eher eine Sprechblockade, die innerlich einer freien Schwerelosigkeit entsprach. Aus diesem Grund habe sie auch ab dem Jugendalter einen Weg beschreiten können, den sie mit folgenden Worten beschrieb: „Ich habe mich ständig selbst überfordert.“ Ihr beruflicher Erfolg sowie die Tatsache, als Referentin mit bayerischem Charme über sich selbst und ihre kommunikative Öffnung berichten zu können, geben Frau Winter recht.

Nach einer ausgiebigen Mittagspause mit zahlreichen fachlichen und persönlichen Gesprächen zwischen den Tagungsteilnehmern erfolgte das dritte und letzte Referat von Frau Prof. Dr. Claudia Hruska von der Freien Universität Berlin. Es trug den Titel „Schweigende Kinder in deutschen Betreuungs- und Bildungseinrichtungen.“ Zunächst erläuterte Frau Prof. Dr. Hruska die Symptomatologie des Mutismus im Kindesalter. Anschließend stellte sie eine Einteilung des angstbedingten Schweigens in verschiedenen Abstufungen vor. Anhand der Gegenüberstellung der DSM 5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Version 5) der Amerikanischen Gesellschaft für Psychiatrie und der ICD-10 (International Classification of Diseases and Related Health Problems, Version 10), die von der WHO herausgegeben wird, verdeutlichte sie die Änderung der Klassifikation des Mutismus zu den Angsterkrankungen. Des Weiteren wurden Studien vorgestellt, in denen das „Interaktionsverhalten von Lehrkräften und Auswirkungen auf Kinder“ untersucht wurde. Hier war deutlich zu erkennen, dass ein Kind seine Aufgaben umso besser bewältigen kann, je mehr sich ein Lehrer mit einem Kind beschäftigt. Badanes et al. (2012) wurden mit dem Leitsatz zitiert: Hohe Bindung zu pädagogischen Fachkräften und hohe Qualität des Unterrichts verringern die Stressbelastung der Kinder. Schließlich wurde die Untersuchung von Groneveld et al. (2013) genannt, die aufgrund von Cortisol-Analysen von Haarproben nach Schuleintritt die Schlussfolgerung ergab, dass besonders für ängstliche, zurückhaltende Kinder der Eintritt in das Schulleben zu einer hohen Stressreaktion führt. Erstaunlich hierbei war, dass die Stressbelastung der Pädagogen besonders bei ängstlich-zurückhaltenden Kindern ansteckend war.

Zum Schluss äußerte die Dozentin, selbst mitbetroffene Mutter einer mutistischen Tochter, den dringenden Wunsch, dass Veränderungen in der Aufmerksamkeit des Mutismus in Bildungseinrichtungen das gemeinsame Ziel unserer Bemühungen sein sollten. Durch eine hohe Präsenz und Qualität im Internet sowie durch eine Implementierung des Themas in die Ausbildung von Lehrkräften müsse eine stärkere Wahrnehmung von Betroffenen in Institutionen entstehen. Für dieses Postulat erhielt sie sowohl von den Vereinsmitgliedern als auch von den anwesenden Teilnehmern einen beherzten Applaus.

Der vierte Teil der 16. Mutismus-Tagung in Rostock bestand schließlich aus der beliebten Diskussionsrunde, in der sich sowohl die drei Referentinnen als auch einzelne Vertreter des Vereins den Fragen und Anregungen der Teilnehmer stellten. Sie wurde, wie schon fast Tradition, von unserem Vorstand Herrn Dr. Boris Hartmann moderiert. Er fasste zuerst die Vorträge der drei Referentinnen mit zitierten Leitsätzen zusammen und verwies auf Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Mit Blick auf die erfolgreichen Werdegängen der vorgestellten Zwillinge bzw. der persönlich Betroffenen, Frau Christine Winter, betonte er die Notwendigkeit der Betroffenen, an sich zu arbeiten und den realisierbaren Schritt auf die Gesellschaft zu nicht gegen alleinige Gesellschaftskritik einzutauschen. Der Schwerpunkt der Fragen galt dem Schulsystem und dem Problem, mutistische Kinder und Jugendliche überhaupt zu erkennen, die als stille, zurückhaltende Menschen im Alltag nicht auffallen. Alle Beteiligten waren sich dahingehend einig, dass durch mehr Präsenz der Therapeuten sowie durch weitere Fortbildungen und Veranstaltungen – auch im Rahmen der pädagogischen Ausbildungen – ein Weg gefunden werden müsse, die mutistischen Kinder bereits im Kindergarten zu erkennen und zu behandeln.


Rückblick auf die 15. Mutismus-Tagung am 24. Juni 2017 in Würzburg

Dieses Jahr erwartete die Besucher ein ganz besonders festliches, altehrwürdiges Flair. Der Veranstaltungsort war nämlich ein Tagungssaal der Festung Marienberg.

Petra Frießnegg, die 2. Vorsitzende der Mutismus Selbsthilfe, leitete die Tagung ein, indem sie die Teilnehmer begrüßte, auf wichtige Ereignisse für die Mutismus Selbsthilfe zurück- sowie ausblickte und auf organisatorische Aspekte der Tagung hinwies. Hierbei unterstützte sie die Vorfreude der Besucher auf den begonnenen Tag, indem sie die ausgewogene Mischung der Teilnehmer und Themen hervorhob. Es hatten sich 36 Therapeuten bzw. pädagogisch mit mutistischen Menschen arbeitende Personen angemeldet sowie 25 Betroffene bzw. Angehörige. Ein solches Nebeneinander von professionellen und persönlich betroffenen Teilnehmern ist für beide Seiten sehr wertvoll und unterstützt den Erfahrungsaustausch, für welchen neben den Diskussionsrunden gerade auch die Pausen genutzt werden. Auch die Auswahl der Referatsthemen war so vielseitig gestaltet, dass für jeden Besucher ein Erkenntniszuwachs zu erwarten war.

Das erste Referat mit dem Titel „Sprichst du schon mit Frau Oppermann?“ hielt Tina Oppermann, Logopädin mit Mastergrad und Lehrlogopädin. Sie beschrieb die Besonderheiten, die sich in der Therapie zweier mutistischer Mädchen (bei Therapiebeginn 9 und 10 Jahre alt) ergaben. Die Therapien liefen zunächst völlig unabhängig voneinander, bis die Eltern der Klientinnen darauf aufmerksam machten, dass die beiden Mädchen sich kannten und offenbar auch miteinander über Therapieinhalte sprachen. Diese Begebenheit wurde von den Eltern zunächst eher sorgenvoll betrachtet, da eine gegenseitige negative Einflussnahme befürchtet wurde. Da sich bei beiden Patientinnen jedoch zu diesem Zeitpunkt gerade nur geringe Therapieerfolge zeigten, schlug Frau Oppermann eine Gruppentherapie vor, um die gegenseitige Einflussnahme in positive Bahnen zu lenken bzw. für den Therapieerfolg zu nutzen. Ziele waren u.a., die Eigen- und Fremdwahrnehmung anzuregen und dass den Mädchen das mutistische Verhalten jeweils von einer anderen Person gespiegelt wird. Die Eltern waren nach Gesprächen mit der Therapeutin schnell offen für diesen Versuch. Tatsächlich zeigten sich im Laufe der Gruppentherapie Erfolge, u.a. in Form von verbesserter Reflexion und gegenseitiger Hilfsbereitschaft. Einige Aufgaben innerhalb der Stunde konnten die Mädchen durch den Anstoß der jeweiligen Mitpatientin bewältigen. Das Sprechen konnte jedoch noch nicht erreicht werden. Zudem blieb die Motivation speziell eines der Mädchen für das häusliche Üben weiterhin gering. Frau Oppermann, die nach eigenen Angaben grundsätzlich kein striktes therapeutisches Vorgehen verfolgt, sondern an den Patienten angepasst verschiedene Konzepte innerhalb der Mutismustherapie mischt, brachte eine weitere kreative und erfolgreiche Idee ein: den Einsatz der Digitalisierung. Beide Klientinnen nutzten sehr gerne und oft ihr Handy. Durch Sprachnachrichten per WhatsApp, welche in Echtzeit zusammengeschnitten wurden, sollte so einerseits die Motivation für das Training zu Hause verstärkt werden. Gleichzeitig sollte eine Desensibilisierung stattfinden, indem die eigene Stimme sehr oft gehört wurde. Dieses „WhatsApp-Training“ brachte nach der Gruppentherapie einen weiteren Durchbruch und führte zu Fortschritten im nonverbalen und verbalen Bereich außerhalb des therapeutischen Settings.

Den zweiten Vortrag hielt Christine Winter, Trainerin für Kommunikation und Entwicklung, die ehemals selbst bis ins Erwachsenenalter hinein selektiv mutistisch war. Ihr Thema lautete: „Worte ändern alles! – Wie jeder durch Sprache seine Welt erschafft“. Frau Winter hatte mit Anfang 30 die letzte bewusste Sprechblockade. Bis kurz vorher wusste sie aber auch nichts von Mutismus, sondern dachte einfach, dass sie zu schüchtern war. Sie fing mit 18 an, Expertin für Kommunikation zu werden. Denn sie sagte sich, dass sie, wenn sie alles über Kommunikation wisse und dies genügend übe, so wie alle anderen Menschen kommunizieren könne. Später wurde sie dann tatsächlich Kommunikationstrainerin sowie Hochschullehrerin und Dozentin. Ihre Expertise war auch an Frau Winters Vortragsweise zu erkennen. Sie hielt einen sehr interaktiven Vortrag, bei welchem die Zuhörer möglichst oft mit einbezogen wurden. Es war ihr sehr wichtig auf Fragen einzugehen und sie veranschaulichte ihre Thesen mit Hilfe von vielen Bildern und Modellen. Frau Winter betonte, dass es für ihren Werdegang sehr positiv war, dass sie nicht mit Begriffen wie „Patientin“, „therapiebedürftig“, „selektiv mutistisch“, „Angststörung“, „psychisch krank“, „austherapiert“, „Nachteilsausgleich“ konfrontiert wurde. Solche Worte lösen ihrer Meinung nach unter Umständen Bilder aus, die hängen bleiben und die weitere Entwicklung negativ beeinflussen. Die Vortragende erläuterte, dass jeder Mensch eine andere Wahrnehmung hat, bedingt durch bestimmte Filter wie familiäre Regeln, Vorerfahrungen, Besonderheiten der Sinnesorgane. Dadurch weiß man nie, wie die Worte beim Gegenüber wirklich ankommen und benötigt hierzu Feedback. Bei mutistischen Menschen fehlt jedoch das verbale Feedback. Zum einen kann daher Feedback über E-Mail oder WhatsApp sehr wertvoll sein. Zum anderen gab Frau Winter den anwesenden Therapeuten den Tipp, viel Ruhe in ihren Monolog zu bringen, damit sich der Mutist entspannen und vielleicht mimische Reaktionen als Feedback geben kann. Die Referentin betonte zudem, dass der Sender seine Überzeugungen vermittelt. Daher sollten Therapeuten möglichst in der Sprache sprechen, die der Klient kennt und Metaphern aufgreifen, die von ihm selbst kommen. Sonst kann es passieren, dass versehentlich Dinge suggeriert werden. So setzte die Referentin ihre Erstarrung in der Blockade lange gleich mit Angst, weil von außen immer wieder diese Zuschreibung erfolgte. Für Frau Winter hat der „Mutismus-Zustand“ jedoch nicht in erster Linie mit Angst zu tun. Ihrer Meinung nach gibt es im allgemeinen Sprachgebrauch keinen Begriff, der den Zustand wirklich beschreibt, wobei für die Referentin der Begriff „Dissoziation“ gerade am ehesten zu dem Zustand passt. So war Frau Winters Vortrag und Werdegang für Betroffene und Angehörige vermutlich sehr motivierend und aufbauend. Die anwesenden Therapeuten bekamen hilfreiche Tipps für die eigene Kommunikation und den interessanten Hinweis, dass Dissoziation bei manchen Menschen mit Sprechblockaden ein bedeutsamer Faktor sein kann.

Herr Prof. Dr. Marcel Romanos ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie der Direktor der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. Er referierte zum Thema „Jetzt trau Dich halt! – Furcht, Ängste und Angsterkrankungen im Entwicklungsverlauf“. Dem Referent gelang es viele interessante wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Angsterkrankungen auf sehr erfrischende und anschauliche Art und Weise darzustellen. Er betonte, dass Angsterkrankungen mit weitem Abstand die häufigste psychiatrische Diagnose darstellen (fast jeder dritte erkrankt irgendwann einmal im Leben daran). Gleichzeitig hat die Erkrankung weitreichende körperliche Folgen. So treten Herzerkrankungen bei dieser Diagnose um 50% häufiger auf. Gleichzeitig sei Angst der stärkste Vorläufer der Depression. Dies verdeutlicht die große Wichtigkeit von Forschung, Therapie und Prävention im Bereich der Angsterkrankungen. Prof. Dr. Romanos stellte dar, dass es typische Ängste gibt, die physiologisch im Kindesalter auftreten und normalerweise überwunden werden. Er veranschaulichte, dass es immer mehrere Faktoren gibt, die zusammen spielen müssen, damit eine Angsterkrankung entsteht. Die Vererbung macht etwa bei der sozialen Phobie 51% aus. Bestimmte Lernerfahrungen begünstigen die Manifestation der Angst. Der Referent ging auf verschiedene häufige Phobien ein und machte deutlich, dass diese Ängste im Entwicklungsverlauf oftmals ihre Entität ändern (z.B. könnte ein Kind mit Trennungsangst im Jugendalter eine soziale Phobie und später eine Depression entwickeln). Er stellte die Bedeutung von Psychoedukation, Psychotherapie und ggf. medikamentöser Therapie als Säulen bei der Behandlung der Angsterkrankungen dar. Nachdem verschiedene Methoden der Verhaltenstherapie beleuchtet wurden, ging der Referent auf Ergebnisse aus der Präventionsforschung ein. Kinder, die bereits unter Ängsten litten bzw. deren Eltern eine Angsterkrankung hatten, nahmen an einem Präventionsprogramm teil. 1 Jahr nach dem Programm hatten 5% der Kinder in der Präventionsgruppe eine Angsterkrankung entwickelt, wohingegen dies bei 31% der Kinder der Kontrollgruppe der Fall war. Mit dieser ermutigenden Information endete der letzte Vortrag der Tagung.

Wie jedes Jahr fand im Anschluss an die Vorträge eine Frage- und Diskussionsrunde mit allen Referenten und den Vereinsverantwortlichen statt. Ein Diskussionspunkt, der von den Zuhörern eingebracht wurde, betraf die Sinnhaftigkeit eines Nachteilsausgleichs. Die Referenten und Vereinsvorsitzenden waren sich darin einig, dass ein Nachteilsausgleich bei Mutismus, der keine chronische Störung darstellt, lediglich innerhalb eines Prozesses Sinn machen kann. Als dauerhafte Installation werde das Verhalten jedoch eher gefestigt. Eine weitere Frage, die die Teilnehmer beschäftigte, betraf die Bedeutung von Angst in Bezug auf Mutismus. Prof. Dr. Romanos fasste die diesbezügliche Diskussion so zusammen, dass Angst, Macht und Dissoziation verschiedene Teilaspekte von Mutismus darstellen können und dass die Verteilung individuell sehr unterschiedlich sein kann.

Eine spannende und schöne Tagung ging zu Ende, die hoffentlich bei vielen Teilnehmern die Lust geweckt hat, nächstes Jahr in Rostock wieder dabei zu sein. 

Wir bedanken uns bei allen Referenten und Teilnehmern unserer bisherigen Tagungen.

Nachfolgend erhalten Sie eine Auflistung aller bisher von uns durchgeführten Tagungen seit 2003:

18. .Juni 2016: Dortmund
Referenten: Jan Hammer, Petra Frießnegg, Tatjana Kurth-Czaja

13. .Juni 2015: Bremen
Referenten:
Susann und Rainer Langenhahn, Anke Krabbe, Sabine Laerum

31. Mai 2014: Berlin
Referenten:
Prof. Andreas Ströhle, Therapeutenteam der AWO-Rehaklinik Werscherberg, Anita Bänninger

08. Juni 2013: Stuttgart
Referenten:
Pavlina Klemm, Susanne Grümme, Veysel Kizilbolga, Prof. Rolf Bindel, Dr. Boris Hartmann, Michaela Kaiser

02. Juni 2012: Dresden
Referenten:
Barbara Eckel, Michaela Kaiser, Markus Schulte-Hötzel, Peggy Matlik

21. Mai 2011: Frankfurt
Referenten:
Prof. Marion Hermann-Röttgen, Dr. Angelika Gensthaler, Tatjana Pavlov-West, Alexander Tittel

14. April 2010: Köln
Referenten:
Kerstin Voß, Maria-Katharina Rolf, Anke Krabbe & Tatjana Pavlov-West, Familie Hilland

02. Mai 2009: Hamburg
Referenten:
Audrey Rudyk, Heike Lepper, Hildegard Brand

03. Mai 2008: München
Referenten:
Dr. Boris Hartmann, Erika Meili-Schneebeli, Team der Mutismus-Selbsthilfe

28. April 2007: Berlin
Referenten:
Prof. Nitza Katz-Bernstein, Dr. Boris Hartmann, Stefanie Apel, Harry Welker

20. Mai 2006: Köln
Referenten:
Prof. Hans-Joachim Motsch, Team der Mutismus-Selbsthilfe

05. November 2005: Köln
Referenten:
Prof. Nitza Katz-Bernstein, Alice Sluckin

20. November 2004: Köln
Referenten:
Dr. Boris Hartmann, Dr. Reiner Bahr, Dr. Claudia Schmale-Breiden, Katrin Tajer & Michael Lange

04. November 2003: Köln
Referenten:
Dr. Boris Hartmann, Renate Tronnier, Hildegard Brand