Erfahrungsberichte/Lebenslinien

29.10.2010

Lena

Hallo, ich möchte gerne die Geschichte meiner Tochter Lena erzählen. Mein Name ist Bettina, ich bin 33 Jahre alt, mein Mann Volker ist 34 Jahre alt. Wir haben eine Tochter (6) und einen Sohn (4).

Ich werde die Kurzversion nehmen, obwohl es natürlich keine kurze Geschichte ist. Über die Gefühle, die Hilflosigkeit und die Kraft die man aufbringen muss um die Mauer zu durchbrechen, kann man nicht in kurzen Sätzen berichten, aber diejenigen, die das selbe durchmachen oder gemacht haben, werden wissen was ich meine.

Dass unsere Lena irgendwie anders ist, merkte ich bereits in der Krabbelgruppe. Lena saß immer nur bei mir, spielte nicht mit und zeigte ganz selten mal ein Lächeln. Dass Lena sehr früh laufen konnte, sehr früh sauber war, konnten alle sehen aber das sie genauso schnell sprechen lernte, konnte niemand hören. Nur ganz wenigen zeigte sie ihr eigentliches Wesen. Schon mal einer Oma oder einer Tante oder meiner damaligen Nachbarin und Freundin, die uns damals oft mit ihrem Sohn besuchte. Ich war froh, dass letztere den Leuten schon mal von Lenas Sprechkünsten erzählte, sonst hätte ich die Blicke der anderen Mütter nicht immer ausgehalten. Zu Hause war Lena sehr lebhaft, tobte, lachte und ärgerte genau wie alle anderen Kinder. Zu ihrem Vater hatte Lena ein ganz besonderes Verhältnis. Ich glaube, wenn sie in seiner Nähe war, hatte sie den Halt, den sie von mir wohl nicht immer bekam.

Sobald wir mit Lena das Haus verließen, fiel die Klappe, Lena sprach kein Wort bei anderen Leuten, sie senkte den Blick sobald sie einer ansah. Es war schon ein Vertrauensakt, wenn sie den Blick hob. Bis zum Zeitpunkt des Kindergarteneintritt änderte sich das nur wenig. Sie lächelte zwar jetzt und hatte zur Familie einen besonderen Kontakt (Omas, Tanten, Cousinen), aber mit dem Rest sprach sie nicht.

Ich teilte meinen Kinderarzt schon sehr früh meine Bedenken bezüglich Ihres auffälligen Verhaltens mit, er riet mir zu Spielgruppen und wollte ansonsten den Kindergarten abwarten, bevor man voreilige Schlüsse zieht. 
Nach einem halben Jahr Kindergarten, in dem sie zwar gerne ging und auch zu den Kindergärtnerinnen Vertrauen fasste, aber trotzdem kein Wort sprach, war der Kinderarzt davon überzeugt, dass es sich um selektiven Mutismus handelt. Er gab mir Adressen von Psychologen. Das war der Hammer!!
Sollte ich mich jetzt freuen, weil das Ding oder der Zustand einen Namen hatte, oder sollte ich mich jetzt fragen,“ mein Gott was habe i c h meinem Kind angetan, es muss zu einem Seelenklempner!“

Was mir damals sehr geholfen hat, war die Tatsache, dass ich mit jedem über dieses Thema gesprochen habe, was sonst auch nicht meine Art ist. Es tat uns gut zu hören, das andere auch Probleme mit ihren Kindern haben, egal in welcher Art. Mein Problem mit Lena war anderen fremd, doch die Unsicherheit auch von anderen Müttern zu spüren, die ich bei manchen nie vermutet hätte, gab mir irgendwie Kraft.
Als erstes probierte ich mit Lena eine Therapeutin in unserer Nähe aus, die jedoch versuchte es mit Hilfe von Bachblüten zu beheben, und nachdem Lena mit ihrem Bruder in ihrer und meiner Nähe spielte, machte Lena nach Ihrer Auffassung jetzt eine normale Entwicklung mit. Klar war es besser geworden, alleine deswegen weil wir jetzt anders mit ihr umgingen. Sie machte Fortschritte aber sie redete noch nicht im Kindergarten und das war noch ein großes Problem. Zwischenzeitlich ging ich aber auch zu einer Psychologin, die zwar nicht ganz in unserer Nähe war, aber die mit Lena einige Tests durchführte, um festzustellen, ob das Problem nicht von neurologischer Herkunft war.

Diese Tests sollten aber nur alleine mit Lena durchgeführt werde. Damit mussten wir als Eltern einverstanden sein, denn im vorhinein wurde uns schon mitgeteilt wie schwierig es sein könnte.

Gott sei Dank, war bei all diesen ersten Sitzungen nie mein Sohn dabei. Für Ihn war immer jemand da, vielen Dank hierfür noch einmal an all meine Helferinnen, denn das hätte ich nicht durch gestanden.

Das hört sich jetzt schlimm an, aber ich glaube das Schwierigste war Lena loszulassen und in die Obhut eines „Fremden“ zu geben. Die Therapeutin musste Lena von mir "entklammern". Dann machte ich die Tür hinter mir zu und setzte mich auf den ersten Stuhl neben der Türe. Lena schrie, trat gegen die Tür, es war nur eine kurze Zeit, aber es kam mir vor wie ein ganzer Tag.

Von da an gingen wir wöchentlich zur Therapeutin, Stück für Stück kam Lena ein Bisschen mehr aus sich raus, nach ungefähr 3 Sitzungen schrie sie nicht mehr, setzte sich nur hin. Auf die Frage, warum sie dort hin musste, sagten wir ihr das die Therapeutin ihr hilft die Angst vor dem Sprechen zu verlieren. Seltsamerweise freute sich Lena immer wieder auf die Stunde. Das zeigte uns, dass sie reden wollte und wie stark sie eigentlich war.

Nach und nach fing Lena an zu sprechen. Die Tests verliefen sehr positiv, neurologisch gesehen war alles in bester Ordnung. 
Als Lena das erste Mal im Kindergarten sprach, war das für uns und die Betreuerinnen ein Gefühl zwischen Lachen und Weinen.
Lena kommt nach den Ferien in die Schule. Die Schule wurde durch unsere Kindergärtnerin und uns über Lenas Problem informiert. 
Die Therapie kann von Seite der Psychologin beendet werden. Auch wir verabschieden uns so langsam von diesem Halt, den die Therapeutin uns gibt und den wir nur ungern abgeben.

Lena wird nie ganz ihre Hemmungen gegenüber Fremden oder größeren Gruppen verlieren. Ich denke ein gewisser Grad an Zurückhaltung ist auch erlaubt und in der heutigen Zeit nicht verkehrt. Sie kann jetzt ihre Gefühle zeigen, ihr Lachen was so wunderschön ist und ihr weinen, was ganz natürlich ist.
Wir haben den großen Schritt geschafft, und wir lernen die kleinen Schritte zu akzeptieren.
Wir haben diese Gedanken fixiert, nachdem wir eure Geschichten gelesen haben. So makaber es auch klingen mag: Zu wissen, dass man mit seinem Problem nicht alleine da steht, hat uns Kraft gegeben. Wir hoffen, dass wir auch euch etwas mehr Kraft geben konnten, indem wir unsere Geschichte hier erzählt haben.

Danke unserem Kinderarzt, Dr. F., der unserer Problem immer Ernst genommen hat.

Danke der Therapeutin, Frau B., die mir und Lena wieder genug Luft zum Atmen gab.

Danke den Kindergärtnerinnen, Frau G. und Frau M., die Lena mit soviel Geduld und Vertrauen zur Seite gestanden haben.

Danke allen Omas und Tanten, allen Freunden, die immer ein offenes Ohr für uns hatten, die Lena immer wieder ihre Liebe gezeigt haben, obwohl es nicht einfach ist eine Mauer der Verschwiegenheit zu durchbrechen.
Wir danken euch von ganzen Herzen, für all Eure Unterstützung!!!

Danke an all die Anderen, für jede Unterstützung, die wir bekommen haben.

Volker & Bettina