Rückblick auf frühere Tagungen

Rückblick auf die 15. Mutismus-Tagung am 24. Juni 2017 in Würzburg

Dieses Jahr erwartete die Besucher ein ganz besonders festliches, altehrwürdiges Flair. Der Veranstaltungsort war nämlich ein Tagungssaal der Festung Marienberg.

Petra Frießnegg, die 2. Vorsitzende der Mutismus Selbsthilfe, leitete die Tagung mit der Begrüßung der Teilnehmer ein und hielt einen Rückblick sowie eine Vorschau auf wichtige Ereignisse für die Mutismus Selbsthilfe, gefolgt von organisatorischen Hinweisen für die Tagung. Hierbei förderte sie die Vorfreude der Besucher auf den Tag, indem sie die ausgewogene Mischung der Teilnehmer und Themen hervorhob. Es hatten sich 36 Therapeuten bzw. pädagogisch mit mutistischen Menschen arbeitende Personen angemeldet sowie 25 Betroffene bzw. Angehörige.

Ein solches Nebeneinander von professionellen und persönlich betroffenen Teilnehmern ist für beide Seiten sehr wertvoll und unterstützt den Erfahrungsaustausch, für den neben den Diskussionsrunden gerade auch die Pausen genutzt werden. Auch die Auswahl der Referatsthemen war so vielseitig gestaltet, dass für jeden Besucher ein Erkenntniszuwachs zu erwarten war.

Das erste Referat mit dem Titel „Sprichst du schon mit Frau Oppermann?“ hielt Tina Oppermann, Logopädin mit Mastergrad und Lehrlogopädin.

Sie beschrieb die Besonderheiten, die sich in der Therapie zweier mutistischer Mädchen (bei Therapiebeginn 9 und 10 Jahre alt) ergaben. Die Therapien liefen zunächst völlig unabhängig voneinander, bis die Eltern der Klientinnen darauf aufmerksam machten, dass die beiden Mädchen sich kannten und offenbar auch miteinander über Therapieinhalte sprachen. Diese Begebenheit wurde von den Eltern zunächst eher sorgenvoll betrachtet, da eine gegenseitige negative Einflussnahme befürchtet wurde. Da sich bei beiden Patientinnen jedoch zu diesem Zeitpunkt gerade nur geringe Therapieerfolge zeigten, schlug Frau Oppermann eine Gruppentherapie vor, um die gegenseitige Einflussnahme in positive Bahnen zu lenken bzw. für den Therapieerfolg zu nutzen. Ziele waren u. a., die Eigen- und Fremdwahrnehmung anzuregen und dass den Mädchen das mutistische Verhalten jeweils von einer anderen Person gespiegelt wird. Die Eltern waren nach Gesprächen mit der Therapeutin schnell offen für diesen Versuch.

Tatsächlich zeigten sich im Laufe der Gruppentherapie Erfolge, u. a. in Form von verbesserter Reflexion und gegenseitiger Hilfsbereitschaft. Einige Aufgaben innerhalb der Stunde konnten die Mädchen durch den Anstoß der jeweiligen Mitpatientin bewältigen. Das Sprechen konnte jedoch noch nicht erreicht werden. Zudem blieb die Motivation speziell eines der Mädchen für das häusliche Üben weiterhin gering. Frau Oppermann, die nach eigenen Angaben grundsätzlich kein striktes therapeutisches Vorgehen verfolgt, sondern an den Patienten angepasst verschiedene Konzepte innerhalb der Mutismus-Therapie mischt, brachte eine weitere kreative und erfolgreiche Idee ein: den Einsatz digitaler Medien. Beide Klientinnen nutzten sehr gerne und oft ihr Handy. Durch Sprachnachrichten per WhatsApp, die in Echtzeit zusammengeschnitten wurden, sollte so einerseits die Motivation für das Training zu Hause verstärkt werden. Gleichzeitig sollte eine Desensibilisierung stattfinden, indem die eigene Stimme sehr oft gehört wurde. Dieses „WhatsApp-Training“ brachte nach der Gruppentherapie einen weiteren Durchbruch und führte zu Fortschritten im nonverbalen und verbalen Bereich außerhalb des therapeutischen Settings.

Den zweiten Vortrag hielt Christine Winter, Trainerin für Kommunikation und Entwicklung, die ehemals selbst bis ins Erwachsenenalter hinein selektiv mutistisch war. Ihr Thema lautete:

„Worte ändern alles! – Wie jeder durch Sprache seine Welt erschafft“.

Frau Winter hatte mit Anfang 30 die letzte bewusste Sprechblockade. Bis kurz vorher wusste sie aber auch nichts von Mutismus, sondern dachte einfach, dass sie zu schüchtern war. Sie fing mit 18 an, Expertin für Kommunikation zu werden. Denn sie sagte sich, dass sie, wenn sie alles über Kommunikation wisse und dies genügend übe, so wie alle anderen Menschen kommunizieren könne. Später wurde sie dann tatsächlich Kommunikationstrainerin sowie Hochschullehrerin und Dozentin. Ihre Expertise war auch an Frau Winters Vortragsweise zu erkennen. Sie hielt einen sehr interaktiven Vortrag, bei dem die Zuhörer möglichst oft miteinbezogen wurden. Es war ihr sehr wichtig auf Fragen einzugehen und sie veranschaulichte ihre Thesen mit Hilfe von vielen Bildern und Modellen. Frau Winter betonte, dass es für ihren Werdegang sehr positiv war, dass sie nicht mit Begriffen wie „Patientin“, „therapiebedürftig“, „selektiv mutistisch“, „Angststörung“, „psychisch krank“, „austherapiert“, „Nachteilsausgleich“ konfrontiert wurde. Solche Worte lösen ihrer Meinung nach unter Umständen Bilder aus, die hängen bleiben und die weitere Entwicklung negativ beeinflussen.

Die Vortragende erläuterte, dass jeder Mensch eine andere Wahrnehmung hat, bedingt durch bestimmte Filter wie familiäre Regeln, Vorerfahrungen, Besonderheiten der Sinnesorgane. Dadurch weiß man nie, wie die Worte beim Gegenüber wirklich ankommen und benötigt hierzu Feedback. Bei mutistischen Menschen fehlt jedoch das verbale Feedback. Zum einen kann daher Feedback über E-Mail oder WhatsApp sehr wertvoll sein. Zum anderen gab Frau Winter den anwesenden Therapeuten den Tipp, viel Ruhe in ihren Monolog zu bringen, damit sich der Mutist entspannen und vielleicht mimische Reaktionen als Feedback geben kann. Die Referentin betonte zudem, dass der Sender seine Überzeugungen vermittelt. Daher sollten Therapeuten möglichst in der Sprache sprechen, die der Klient kennt und Metaphern aufgreifen, die von ihm selbst kommen. Sonst kann es passieren, dass versehentlich Dinge suggeriert werden. So setzte die Referentin ihre Erstarrung in der Blockade lange gleich mit Angst, weil von außen immer wieder diese Zuschreibung erfolgte. Für Frau Winter hat der „Mutismus-Zustand“ jedoch nicht in erster Linie mit Angst zu tun. Ihrer Meinung nach gibt es im allgemeinen Sprachgebrauch keinen Begriff, der den Zustand wirklich beschreibt, wobei für die Referentin der Begriff „Dissoziation“ gerade am ehesten zu dem Zustand passt.

So konnte Frau Winters Vortrag und Werdegang für Betroffene und Angehörige motivierend und aufbauend wirken. Die anwesenden Therapeuten bekamen hilfreiche Tipps für die eigene Kommunikation und den interessanten Hinweis, dass Dissoziation bei manchen Menschen mit Sprechblockaden ein bedeutsamer Faktor sein kann.

Prof. Dr. Marcel Romanos ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Direktor der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. Er referierte zum Thema „Jetzt trau Dich halt! – Furcht, Ängste und Angsterkrankungen im Entwicklungsverlauf“.

Dem Referenten gelang es, viele interessante wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Angsterkrankungen auf sehr erfrischende und anschauliche Art und Weise darzustellen. Er betonte, dass Angsterkrankungen mit weitem Abstand die häufigste psychiatrische Diagnose darstellen (fast jeder Dritte erkrankt irgendwann einmal im Leben daran). Gleichzeitig hat die Erkrankung weitreichende körperliche Folgen. So treten Herzerkrankungen bei dieser Diagnose um 50 % häufiger auf. Gleichzeitig sei Angst der stärkste Vorläufer der Depression. Dies verdeutlicht die große Wichtigkeit von Forschung, Therapie und Prävention im Bereich der Angsterkrankungen.

Prof. Dr. Romanos stellte dar, dass es typische Ängste gibt, die physiologisch im Kindesalter auftreten und normalerweise überwunden werden. Er veranschaulichte, dass es immer mehrere Faktoren gibt, die zusammenspielen müssen, damit eine Angsterkrankung entsteht. Die Vererbung macht etwa bei der sozialen Phobie 51 % aus. Bestimmte Lernerfahrungen begünstigen die Manifestation der Angst. Der Referent ging auf verschiedene häufige Phobien ein und machte deutlich, dass diese Ängste im Entwicklungsverlauf oftmals ihre Entität ändern (z. B. könnte ein Kind mit Trennungsangst im Jugendalter eine soziale Phobie und später eine Depression entwickeln). Er stellte die Bedeutung von Psychoedukation, Psychotherapie und ggf. medikamentöser Therapie als Säulen bei der Behandlung der Angsterkrankungen dar. Nachdem verschiedene Methoden der Verhaltenstherapie beleuchtet wurden, ging der Referent auf Ergebnisse aus der Präventionsforschung ein. Kinder, die bereits unter Ängsten litten bzw. deren Eltern eine Angsterkrankung hatten, nahmen an einem Präventionsprogramm teil. Ein Jahr nach dem Programm hatten 5 % der Kinder in der Präventionsgruppe eine Angsterkrankung entwickelt, wohingegen dies bei 31 % der Kinder der Kontrollgruppe der Fall war. Mit dieser ermutigenden Information endete der letzte Vortrag der Tagung.

Wie jedes Jahr fand im Anschluss an die Vorträge eine Frage- und Diskussionsrunde mit allen Referenten und den Vereinsverantwortlichen statt.

Ein Diskussionspunkt, der von den Zuhörern eingebracht wurde, betraf die Sinnhaftigkeit eines Nachteilsausgleichs. Die Referenten und Vereinsvorsitzenden waren sich darin einig, dass ein Nachteilsausgleich bei Mutismus, der keine chronische Störung darstellt, lediglich innerhalb eines Prozesses Sinn machen kann. Als dauerhafte Installation werde das Verhalten jedoch eher gefestigt. Eine weitere Frage, die die Teilnehmer beschäftigte, betraf die Bedeutung von Angst in Bezug auf Mutismus. Prof. Dr. Romanos fasste die diesbezügliche Diskussion so zusammen, dass Angst, Macht und Dissoziation verschiedene Teilaspekte von Mutismus darstellen können und dass die Verteilung individuell sehr unterschiedlich sein kann.

Eine spannende und schöne Tagung ging zu Ende, die hoffentlich bei vielen Teilnehmern die Lust geweckt hat, nächstes Jahr in Rostock wieder dabei zu sein.

 (Autorin: Ulrike Kaufhold)

Das genaue Ablaufplan der Tagung:

09:00 Uhr
Einlass der Tagungsteilnehmer
09:30 UhrBegrüßung, Organisatorisches, Rückschau, Vorschau, Sonstiges
09:50 UhrReferat 1 und Fragen dazu
Tina Oppermann, Logopädin aus Osterode
"Sprichst Du schon mit Frau Oppermann?" -
Die Therapie zweier mutistischer Mädchen - Ein Praxisbericht
 11:05 Uhr
 Pause
 11:25 Uhr
Referat 2 und Fragen dazu
Christine Winter, Kommunikationstrainerin aus Scheyern
"Worte ändern alles!  - Wie jeder durch Sprache seine Welt erschafft."
12:40 Uhr
Mittagspause
14:00 Uhr
Referat 3 und Fragen dazu
Prof. Marcel Romanos, Leiter der KJP der Uni-Würzburg
"Jetzt trau Dich halt! - Furcht, Ängste und Angsterkrankungen im Entwicklungsverlauf."
15:15 Uhr
Pause
15:40 Uhr
Diskussions- und Fragerunde mit allen Referenten sowie
dem Vereinsvorstand. Wir bitten um eine rege Teilnahme.
17:00 Uhr
Ende der Tagung
17:30 Uhr
Jahreshauptversammlung des Vereins (nur für Mitglieder)



Wir bedanken uns bei allen Referenten und Teilnehmern unserer bisherigen Tagungen.

Nachfolgend erhalten Sie eine Auflistung aller bisher von uns durchgeführten Tagungen seit 2003:

18. .Juni 2016: Dortmund
Referenten: Jan Hammer, Petra Frießnegg, Tatjana Kurth-Czaja

13. .Juni 2015: Bremen
Referenten:
Susann und Rainer Langenhahn, Anke Krabbe, Sabine Laerum

31. Mai 2014: Berlin
Referenten:
Prof. Andreas Ströhle, Therapeutenteam der AWO-Rehaklinik Werscherberg, Anita Bänninger

08. Juni 2013: Stuttgart
Referenten:
Pavlina Klemm, Susanne Grümme, Veysel Kizilbolga, Prof. Rolf Bindel, Dr. Boris Hartmann, Michaela Kaiser

02. Juni 2012: Dresden
Referenten:
Barbara Eckel, Michaela Kaiser, Markus Schulte-Hötzel, Peggy Matlik

21. Mai 2011: Frankfurt
Referenten:
Prof. Marion Hermann-Röttgen, Dr. Angelika Gensthaler, Tatjana Pavlov-West, Alexander Tittel

14. April 2010: Köln
Referenten:
Kerstin Voß, Maria-Katharina Rolf, Anke Krabbe & Tatjana Pavlov-West, Familie Hilland

02. Mai 2009: Hamburg
Referenten:
Audrey Rudyk, Heike Lepper, Hildegard Brand

03. Mai 2008: München
Referenten:
Dr. Boris Hartmann, Erika Meili-Schneebeli, Team der Mutismus-Selbsthilfe

28. April 2007: Berlin
Referenten:
Prof. Nitza Katz-Bernstein, Dr. Boris Hartmann, Stefanie Apel, Harry Welker

20. Mai 2006: Köln
Referenten:
Prof. Hans-Joachim Motsch, Team der Mutismus-Selbsthilfe

05. November 2005: Köln
Referenten:
Prof. Nitza Katz-Bernstein, Alice Sluckin

20. November 2004: Köln
Referenten:
Dr. Boris Hartmann, Dr. Reiner Bahr, Dr. Claudia Schmale-Breiden, Katrin Tajer & Michael Lange

04. November 2003: Köln
Referenten:
Dr. Boris Hartmann, Renate Tronnier, Hildegard Brand