Leitlinien für Pädagogen und Schulen

Leitlinien für Pädagogen - wie geht man das Problem an?

Typische Charakteristika des selektiven Mutismus:

Selektiv mutistische Kinder schweigen in nahezu allen sozialen Situationen und somit auch in der Schule gegenüber ihnen fremden Menschen, obwohl sie zu Hause in vertrauter Umgebung ganz normal das Medium Sprache nutzen. In der Schule wirken sie oft teilnahmslos bzw. schüchtern und sprechen generell nicht oder nur sehr wenig mit Mitschülern oder Lehrern. Auch nehmen sie häufig nicht an nonverbalen Aktivitäten  teil. Sie wirken ängstlich und nervös. Allerdings sind sie im Klassenverband meist durchaus beliebt, und es kommt nicht selten vor, dass die Mitschüler sich als "Sprachrohr" für die selektiv mutistischen Kinder anbieten. Der selektive Mutismus tritt  sehr oft in den ersten zwei Schuljahren auf. Danach eher seltener.

Wie geht man das Problem an?

Es gibt viele Gründe, warum Kinder nicht sprechen. Deshalb ist es wichtig, bei jedem Kind zuerst einmal die genauen Gründe herauszufinden.

Gespräche mit dem Schulpsychologen und anderen Personen, mit denen das Kind in Kontakt tritt (Lehrer, Hausmeister, Bekannte der Eltern), sind wichtige Quellen, um abzuklären, ob das Kind einfach nur sprechscheu ist, an kognitiven Defiziten leidet, Probleme mit der Sprache hat (bei Kindern ausländischer Herkunft), gerade eine emotionale Stresssituation durchlebt (Tod eines Angehörigen/ Freundes) oder eben selektiv mutistisch ist. Die Gründe, nicht oder vorübergehend nicht zu sprechen, können vielfältiger Natur sein. Aus diesem Grund ist es von Bedeutung, das Problem des selektiven Mutismus so schnell und so umfassend wie möglich anzugehen. Zwei Sachverhalte stehen dabei im Vordergrund:

  • Ein mutistisches Verhalten, das längere Zeit andauert, kann sich chronifizieren. Dadurch ergeben sich im späteren Leben für die Berufsausbildung und das Sozialverthalten gravierende Folgeprobleme.
  • Je schneller eine Therapie nach dem ersten Auftreten des Mutismus beginnt, desto besser. Die Erinnerung an das eigene "normale" Kommunikationsverhalten ist noch frisch vorhanden und kann dadurch leichter wiederhergestellt werden.

Die Vorgehensweisen, die in diesem Dokument vorgestellt werden, sind ausschließlich psychologischer Natur und setzen voraus, dass das Angstgefühl des Kindes der Hauptgrund für sein Schweigen ist. Häufig kommen noch Sprachstörungen (Artikulationsstörungen, Stottern o.ä.) hinzu, die dann zusätzlich gezielt von einem Logopäden/Sprachtherapeuten behandelt werden müssen. Mitunter sind auch medikamentös unterstützte Therapien in Betracht zu ziehen.

Moderne Psychologen bezeichnen mutistische Kinder nicht mehr als "dickköpfig" oder "eigensinnig", sondern sehen sie vielmehr als Kinder an, die an einer massiven Angststörung leiden. Mutismus ist kein Trotzverhalten, sondern eine Angstverarbeitung im negativen Sinne. Diese Kinder wissen, dass sie Angst haben, können aber so gut wie nie konkret erläutern, warum sie dieses Angstgefühl spüren.

Selektive Mutisten variieren sehr stark in ihrem Charakter, in Temperament , Intelligenz und Kommunikationsstil. Deshalb sind die Behandlungsansätze genauso verschieden, wie die Menschen selbst. Es gibt keinen Königsweg. Fortschritte scheinen oft nur sehr langsam einzutreten. Wenn man diese Tatsache aber erst einmal akzeptiert hat, hilft das vielen Eltern, Frustrationen abzubauen und mehr Geduld mit ihrem Kind zu haben.

Generelle Richtlinien

Die meisten selektiv mutistischen Kinder WOLLEN sprechen, aber das empfundene Angstgefühl ist größer als der Wunsch zu sprechen. Es ist wichtig, bei allen nachfolgend genannten Vorschlägen langsam und sorgfältig vorzugehen. Geben Sie dem Kind eine Umgebung, die es als sicher und komfortabel empfindet, und versuchen Sie folgende Schritte:

  • Erklären Sie dem Kind, dass das Sprechen in der Schule vor einer größeren Gruppe manchmal einiges an Überwindung kostet, und machen Sie dem Kind klar, dass Sie seine Angst verstehen und nachvollziehen können. Sie können z.B. Situationen schildern, in denen es Ihnen selbst die Sprache verschlagen hat.
  • Fragen Sie das Kind, ob es sich vorstellen könnte, irgendwann in der Zukunft einmal in der Schule zu sprechen.
  • Wenn das Kind auf diese Frage positiv reagiert, sollten Sie ihm Unterstützung anbieten, um dieses Ziel eines Tages zu erreichen. Stellen Sie klar, dass Sie verstehen, dass das ein schwieriges Vorhaben ist, das behutsam angegangen werden muss, aber dass Sie als Lehrer/in das Kind zu keinem Zeitpunkt unter Druck setzen und auch nicht zulassen werden, dass andere Personen es unter Druck setzen. Machen Sie dem Kind Mut, und vermitteln Sie ihm die Überzeugung, dass es sein Ziel erreichen wird.
  • Versuchen Sie herauszufinden, welche sozialen Situationen am schwierigsten, welche weniger schwierig und welche am unkompliziertesten in Bezug auf das Kommunikationsverhalten sind. Nutzen Sie dazu den "Evaluationsbogen für die Erfassung des Kommunikationsverhalten bei Mutismus". Dieses Dokument können Sie natürlich gezielt an Ihre Bedürfnisse anpassen.

Ein kleines Beispiel:

Das Kind empfindet vielleicht weniger Sprechangst, wenn es in einem bequemen Sessel in einem kleinen Nebenraum sitzt statt in dem oft sehr lauten Klassenraum, wo zudem noch andere Schüler anwesend sind. 

Die "Angst-Skala" variiert sehr stark, und Sie als Lehrkraft sollten sich nie anmaßen, einschätzen zu können, ob eine Situation von einem mutistischen Kind als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Lassen Sie das Kind selbst, soweit möglich, diese Situationen beschreiben bzw. erfragen Sie bei den Eltern oder Verwandten, wie solche "angstfreien" Situationen aussehen können. Besonders sehr kleine Kinder haben natürlich Probleme, solche Situationen genau zu definieren. Deswegen ist präzises und auch häufiges Nachfragen angeraten.

Sie müssen eine (aus dem Empfinden des Kindes) "sichere" Umgebung für das Kind schaffen. Die Art, wie Sie mit dem Kind umgehen, die menschliche Wärme, die Entschlossenheit ohne verbissen zu sein, all das trägt dazu bei, dass das Kind die Umgebung als "sicher" und "warm" empfindet. Wenn das Kind Ihnen dann vertraut, können Sie mit dem Prozess der "gezielten Kommunikationsverbesserung" beginnen.
Fallen Sie also nicht mit der Tür ins Haus und erwarten Sie keine Wunder. Dafür sind andere zuständig. Geduld und Ausdauer sind das A & O beim Umgang mit mutistischen Kindern. 

Arbeiten Sie mit der definierten "Angst-Skala" (Evaluationsbogen), und beginnen Sie mit Situationen, die dem Kind am wenigsten Angst machen. Dann steigen Sie langsam und sehr vorsichtig aber stetig auf der "Angst-Leiter" empor.

Beispiel:

Nehmen Sie eine Person, mit der das Kind spricht, und mit dieser Person soll das Kind nun in einen vom Klassenzimmer weiter entfernt liegenden Raum der Schule gehen und dort sprechen. Jetzt kommt der nächste Schritt. Wie der aussehen kann, ist von der jeweiligen Situation vorort abhängig. Öffnen Sie zum Beispiel die Tür des Raums, in dem das Kind mit der vertrauten Person kommuniziert, so dass eventuell vorbeigehende Personen das Kind hören könnten. Und dann wieder einen Schritt weiter... Sie bekommen das schon hin. Fantasie und Einfühlungsvermögen sind dabei sehr wichtig. Seien Sie sich aber immer im Klaren darüber, dass es auch Rückschläge geben kann und geben wird. Lassen Sie sich dadurch aber nicht entmutigen, sondern lernen Sie daraus, es das nächste Mal anders bzw. besser zu machen.

Spezifische Techniken

Schaffen Sie nonverbale Aktivitäten, in denen das Kind mit Erwachsenen interagiert. Erschaffen Sie "Sprechsituationen" ohne dabei das Kind konkret zum Sprechen aufzufordern (Puzzle, Brettspiele, Kartenspiele). Binden Sie das Kind grundsätzlich in ALLE regulären Klassenaktivitäten ein.

Unterstützen Sie immer ALLE Versuche der verbalen Teilnahme des Kindes. Aber akzeptieren Sie auch die nonverbalen Versuche des Kindes, die soziale Situation zu bewältigen (Gesten, Zeigen mit dem Finger, Nicken, Schreiben). Erhöhen Sie dann sukzessive die "verbalen" Anforderungen an das Kind,  z.B. ein Wort nur mit dem Mund formen, ohne es laut zu sagen, nur mit Ja oder Nein antworten, Flüstern in das Ohr eines Mitschülers oder der Lehrkraft, gegebenenfalls dafür auch vor die Tür gehen. Mit der Zeit sollten Sie dann versuchen, die nonverbalen Interaktionen des Kindes zunehmend zu ignorieren und nur noch auf verbale Antworten (mögen sie auch noch so unvollkommen sein) positiv zu reagieren.

Wichtig ist aber: Das Ignorieren der nonverbalen Reaktionen sollte erst dann beginnen, wenn das Kind bereits mehrere Male Lautsprachig reagiert hat und dieses Verhalten seit mindestens einer Woche zeigt, denn das Kind muss sich ja im Gebrauch der Sprache "sicher" genug fühlen, auch wenn dieses Sicherheitsgefühl zunächst noch auf wenige ausgewählte Situationen begrenzt ist.

Stellen Sie nach und nach Ihre Reaktion auf nonverbale Antworten des Kindes ein. Machen Sie es nie komplett und plötzlich, sondern entwickeln Sie ein Gespür dafür, wann das Kind diese "Ausweichlösung" noch braucht, um eine kommunikative Situation angstfrei zu lösen. Erlauben Sie nonverbale Antworten weiterhin in Situationen, die das Kind noch als kommunikativ "unsicher" empfindet z.B. im Pausenraum der Schule oder wenn andere, fremde Lehrer anwesend sind.

Erlauben Sie es dem Kind, zu Ihnen oder anderen Personen z.B. durch einen Vorhang hindurch oder hinter einer kleinen Stellwand zu sprechen. Bestehen sie bitte NIE auf Augenkontakt beim Sprechen.

Seien Sie sehr vorsichtig bei ihrer Reaktion, wenn Sie das Kind sprechen hören. Sie würden die Sprechangst nur wieder erhöhen, wenn Sie ein "Spektakel" aus dem Umstand machen, dass das Kind etwas gesagt hat. Freuen Sie sich innerlich aber vor allem still über die Fortschritte! Sie sollten bedenken, dass es ja gerade der Sinn des ganzen Vorgehens ist, dem Kind zu vermitteln, dass das Sprechen etwas absolut normales ist, das von jedem Menschen erwartet wird. Macht man sich das immer wieder klar, dann wäre es doch auch "unnormal", ein großes Theater darum zu machen, nur weil da eben ein Kind etwas gesagt hat. Mutismus hat auch etwas mit mangelndem Selbstwertgefühl zu tun, und wenn man wenig Selbstvertrauen hat, möchte man auch alles vermeiden, um im Zentrum des Interesses zu stehen. Und eine "große Reaktion" stellt das Kind in eben genau diesen Mittelpunkt, in den es gar nicht will.

Es gibt auch Kinder, die lieber singen wollen als zu sprechen. Versuchen Sie es z.B. mit Liedern, in denen auch Gesten und Bewegungen integriert sind, wie etwa einem Lied über das Alphabet, in dem die Kinder entweder nacheinander oder alle gleichzeitig die Buchstaben mit dem Körper darstellen müssen.

Versuchen Sie nie, das Kind durch Bestrafung oder Bestechung zum Sprechen zu bringen. Normalerweise wird das die Angst des Kindes eher verstärken, das Gefühl der "unsicheren Situation" forcieren und die Gefahr heraufbeschwören, dass das Kind immer dann schweigen wird, wenn die "Bestechung" ausbleibt. Hierbei ist zwischen Bestechung und Belohnung zu differenzieren. Ein Kind zu belohnen, wenn es etwas gut gemacht hat, ist nichts verwerfliches. Es darf aber vorher nicht angekündigt werden: "Wenn Du antwortest, bekommst Du das Kuscheltier." Nein, so bitte nicht vorgehen. Das Kind erwartet dann immer etwas, wenn es gesprochen hat, oder spricht eben nur noch, wenn es sicher sein kann, dafür etwas zu bekommen und verweigert die Sprache, wenn es nichts (mehr) bekommt.

Es ist natürlich eine immense Aufgabe, ein schweigendes Kind wieder zum erstmaligen Sprechen zu bewegen. Aber wenn das Kind bereits in bestimmten Situationen spricht, kann es ebenso anspruchsvoll sein, die Anzahl dieser Situationen zu erhöhen oder auch nur die Menge der gesprochenen Wörter in einer einzigen Situation. Die Aufgabenstellung wird mit der Zeit keinesfalls leichter.

In sozialen Umgebungen (mit Personen), in denen es dem Kind leicht fällt zu sprechen, sollte dies auch gezielt gefördert werden z.B. durch lautes Vorlesen oder Erzählen von Geschichten. Schlagen Sie dem Kind vor, eine Person seines Vertrauens als "Lese-Begleitung" anzunehmen.

Fördern Sie den Gebrauch von Handpuppen insbesondere dann, wenn sich das Kind hinter diesen Puppen auch "räumlich" verstecken kann (z.B. in einem Puppentheater), denn dann spricht ja die Puppe und nicht das Kind.

Verbalsprachliche Antworten gezielt fördern

Ermöglichen Sie das schrittweise Annähern an Lernziele. "Formen" Sie das Verhalten, das Sie vom Kind erwarten, indem Sie schrittweise die Anforderungen erhöhen:
Beispiel: Das Kind ist alleine mit dem/der Lehrer/in und...

  • ...formt mit den Lippen das Wort "Buch"
  • ...flüstert "Buch"
  • ...flüstert "Ich brauche ein Wörterbuch"
  • ...flüstert den Satz, aber spricht dabei das Wort "Wörterbuch" laut aus
  • ...spricht den ganzen Satz laut aus. 

Dann wird die ganze Prozedur im Klassenraum vor den anderen Schülern wiederholt.
Aber bitte: Das ist kein Vorgehen, das an einem einzigen Tag "durchgezogen" wird.

Wenn das Kind erst einmal gezeigt hat, dass es gewillt ist im Klassenraum zu sprechen, sollten Sie, wie immer schrittweise, die Umgebungen, in denen das Kind sprechen will, vermehren, wie z.B. Turnhalle, Pausenraum, Schulhof. Das "Fenster der Möglichkeiten" wird nach und nach immer weiter aufgestoßen. Stellen Sie dem Kind dann konkrete Aufgaben: z.B. In das Lehrerzimmer gehen und nach einer speziellen Sache fragen, denn das setzt ja jetzt die Notwendigkeit des Sprechens voraus.

Tonband oder Kassette

Erlauben Sie dem Kind zu Hause Ton- bzw. Videoaufzeichnungen von sich selbst zu machen, z.B. wenn es laut liest oder sich mit Familienmitgliedern unterhält. 
Hören bzw. schauen Sie sich dann mit dem Kind zusammen diese Aufnahmen an verbunden mit aufmunterndem Zuspruch an das Kind. Aber auch hierbei bitte das Pokerface bewahren, auch wenn Sie sich noch so sehr über die Fortschritte freuen.

Spielen Sie das Band nur dann vor dem Rest der Schulklasse ab, wenn das mutistische Kind selbst und dessen Eltern dem ausdrücklich zugestimmt haben. Das Abspielen solch einer Aufnahme ist auch oft eine sehr gute Möglichkeit, den anderen Kindern zu zeigen, dass das mutistische Kind sprechen kann und keinesfalls dumm ist, sondern ganz normal, und eben nur ein wenig Angst hat, zu sprechen.

Wenn das Kind solche Aufnahmen vielleicht auch direkt in der Schule z.B. in einem separaten Raum machen möchte, so erlauben Sie es bitte, auch wenn es dabei vielleicht ganz alleine sein möchte. Erhöhen Sie dann, wieder schrittweise, die Anforderung, indem Sie z.B. eine dem Kind vertraute Person an dieser Aufnahme teilnehmen lassen. Danach vielleicht bei geöffneter Tür usw., immer schrittweise und immer mit der angebrachten Geduld.

Die nächste (n) Klasse (n) planen

Es ist wichtig, rechtzeitig genug die Lehrer, die das Kind zukünftig unterrichten werden, mit in den Prozess einzubinden. Ein Pädagoge sollte das Verhalten eines mutistischen Kindes nie als "oppositionelles Verhalten" oder als persönliche Provokation falsch interpretieren. Das Kind sollte die Möglichkeit bekommen, sich bei Zeiten mit den zukünftigen Lehrern bekannt und vertraut zu machen. Dies sollte bereits im "alten" Schuljahr ergänzt werden durch ein Treffen der Eltern und des Kindes mit den zukünftigen Lehrern. Auch sollten sich Lehrer und Kind bereits einmal außerhalb der Schule vor dem Beginn des Schuljahres treffen z.B. auf dem Spielplatz.

Unterstützung zu Hause

Weil fast alle selektiv mutistischen Kinder in heimischer Umgebung normal sprechen, sollten Eltern es tunlichst vermeiden, die Angst der Kinder vor dem Sprechen in der Schule noch dadurch zu verstärken, indem sie fragen: "Hast Du heute in der Schule gesprochen?" Machen Sie keine große Show aus dieser Thematik. Wenn das Kind wirklich gesprochen hat und es ihm wichtig ist, diesen Umstand zu erzählen, dann wird es das schon tun. Reagieren Sie dann ruhig und mit "innerer" Freude. Es ist doch normal, in der Schule zu sprechen. Weswegen also viel Aufhebens darum machen. Und noch einmal sei erwähnt: keine Bestrafung oder Bestechung, um das Kommunikationsverhalten des Kindes in der Schule zu fördern.

Viele selektiv mutistische Kinder sprechen problemlos zu Hause in Anwesenheit ihrer Eltern oder naher Verwandter, verstummen aber, sobald Fremde die häusliche Umgebung betreten. Hier können Eltern gezielt ansetzen und wiederholt Besucher einladen (möglichst immer den gleichen Personenkreis) und dabei vorher eine "sichere" Umgebung für das Kind herstellen. Einer dieser Besucher könnte auch ein/e Lehrer/Lehrerinnen des Kindes sein. Umgekehrt kann bei Schulbeginn auch ein Elternteil (sofern Zeit vorhanden) das Kind im Unterricht "begleiten", natürlich mit dem eindeutigen Ziel, das Ganze sobald als möglich überflüssig zu machen.

Generelle Techniken zur Angstreduzierung

  • Machen Sie Atem- und Entspannungsübungen.
  • Üben Sie Problemlösungsstrategien ein.
  • Trainieren Sie positive Selbstmotivation: "Ja ich kann das. Ich schaffe das."
  • Stärken Sie die Selbstsicherheit und die Courage des Kindes.
  • Eröffnen Sie Chancen, kreativ zu sein: Malen, Schreiben, Tanzen etc.
  • Ermuntern Sie das Kind zu körperlichen Aktivitäten.
  • Seien Sie ein aktiver und verständnisvoller Zuhörer.
  • Keine Beschimpfung, wenn mal Fehler gemacht wurden.
  • Vermeiden Sie abfällige Bemerkungen über das Kind selbst oder Dinge, die es gemacht hat.
  • Fördern Sie den sozialen Umgang des Kindes mit anderen Menschen.
  • Akzeptieren Sie die Angstgefühle ihres Kindes statt sie zu verneinen: "Aber mein Kind doch nicht..."
  • Vermeiden Sie die Selbstherabsetzung des Kindes: "Ich kann das nicht". "Ich bin sowieso zu dumm dafür". "Ich mache sowieso immer alles falsch" etc.
  • Antizipieren Sie die Angstgefühle Ihres Kindes, so dass es von diesen nicht durch eine unerwartete Situation überwältigt werden kann. Das heißt aber nicht, dass Sie es in Watte packen sollen.
  • Vertreiben Sie negative Gedanken, die das Kind hat, und ersetzen Sie sie durch positive.
  • Bringen Sie dem Kind bei, wie es sich in kommunikativ unsicheren Situationen verhalten soll.

Wichtig:

In vielen Fällen helfen die oben genannten Techniken, wenn sie richtig und beharrlich angewandt werden, die Angst des Kindes vor dem Sprechen zu mindern oder gar vollständig abzubauen. 

Es sollte jedoch immer auch ein Psychologe und vor allem ein/e Sprachtherapeut/in zu Rate gezogen werden, denn sehr oft geht der selektive Mutismus mit einer anderen Sprachstörung einher.

Original von: Dr. Ian Brown, Kanada

(C) der deutschen Übersetzung: Michael Lange im Oktober 2002